Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1879)
- Date
- 1879-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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83 Von Tag zu Tag hoffte sie auf Nachricht und überlegte schon in Gedanken, wie sie ihre Abreise am leichtesten werde bewerkstelligen können. und als sie endlich kräftig genug war, um das Bett zu verlassen, da begann sie im Geheimen Vorbereitungen zu treffen, um auf den ersten Ruf ihres Gatten unverzüglich bereit zu fein. Sie hatte bereits die eigenen Effecten geschlichtet und geordnet und wollte sich nun an das Ordnen der Habseligkeiten ihres Gatten machen, denn dieser hatte außer einiger Wäsche, die sie in jener Schreckensnacht für ihn in einen kleinen Handkoffer gelegt, nichts mit sich genommen. Sie öffnete den Secretär, in denr Gcünfeld die wenigen Kostbarkeiten, die sie besaßen, aufzubewahren pflegte, und ihr erster Blick siel auf das Portefeuille, das sie einst ihrem Gatten geschenkt und das dieser seitdem stets bei sich getragen. Wie kam das Portefeuille hierher'? Auch in jener Tracht, wenige Minuten bevor er sie verlassen, batte sie es in seiner Brusttasche gesehen, das nn-ßte sie mit vollster Bestimmtheit und wußte mit gleicher Bestimmtheit, daß er den Scrretair nicht mehr geöffnet. Wie kam das Portefeuille hierher'? Ein Irrthum ihrerseits in dieser Beziehung war undenkbar; mit grauenvoller Klarheit stand jede Minute jener grauenvollen Nacht vor ihrem innern Auge — wie kam das Portefeuille hierher'? — Sie starrte es an und nmgte kaum, es zu berühren — sie presste beide Hände an die Schläfen, in denen es zu hämmern begann wie kam das Portefeuille hierher'? Ihr Töchterchen im anstoßenden Zimmer begann zu weinen, sie achtete nicht darauf sie war nur eii.es einzigen Gedankens fähig: wie kam das Portefeuille hierher'? Die Kleine im Nebenzimmer wollte sich nicht beschwichtigen lassen, die alte Kati hatte ihren ganzen Liederschatz schon beinahe erschöpft, da stimmte sie ein altes bekanntes Wiegenlied an: „Schlaf', Kindchen, schlaf'. Dein Vater ist ein —" Sie hielt plötzlich iunc — warum'? — warum'? — Die junge Mutter hatte unwillkürlich ihren Worten gelauscht — und lauschte noch mit angehaltenem Athem. — Aber sie vernahm richts weiter als das Weinen des Kindes. Warum hatte die Alte ihren Gesang so plötzlich unterbrochen'? — warum'? — warum? — und wie kam das Portefeuille hierher'? Bebend streckte sie die Hand danach aus, bebend öffnete sie es und schaute bebend in das eigene Contrefei. — Eine unnennbare Angst überfiel sie. — Die Kleine hatte sich endlich beruhigen lassen; mit dem Kinde im Arm trat die treue Wärterin in das Zimmer ihrer Herrin, die noch immer das Portefeuille in Händen hielt, die thränenlosen Augen starr darauf gerichtet. So beschränkt die Alte war, sie hatte im Moment errathen, was geschehen. Was sollte sie beginnen'? „Darf ich Ihnen eine Tasse Bouillon bringen, Frau Grünefeld'?" fragte sie endlich das Kind in ihren Armen schaukelnd. Die Angercdete achtete der Frage nicht. „Kati , flüsterte sie, „hat während meiner Krankheit Jemand den Secretair geöffnet?" Das Kind war wieder unruhig geworden. „Sch, Kindchen, sch! Ja wohl Frau Grünfeld, Ihr Schwager ist dabei gewesen. — Aber, daß das Kind h nie nicht ruhen will. —" „Mein Schwager —" wiederholte Bertha noch immer auf das Portefeuille starrend, „mein Schwager — und — Kati — haben Sie nicht gesehen? —" Die Sprache versagte ihr, aber die Alte verstand sie dennoch; sie kannte die Brieftasche und hatte auch Benjamin Grünfeld darüber weinen sehen. In ihrer treuen Anhänglichkeit war sie nicht länger im Stande, sich zu beherrschen und brach plötzlich in ein lautes Schluchzen aus. Die Angst der jungen Frau hatte sich in Entsetzen verwandelt. „Kati", stammelte sie, „was ist geschehen? — warum weinen Sie? — um Gotteswillen! was ist geschehen?" „Nichts, Frau Grünfeld, nichts ist geschehen" murmelte die Alte nach Fassung ringend, „ich weine nur, weil das Kind heute nicht ruhen will und weil ich 'ne dumme Gans bin." Und damit eilte sie in das anstoßende Zimmer, warf das Kind in die Wiege und ohne sich um das Geschrei desselben zu kümmern, stürzte sie zum Hause hinaus. In rasender Eile rannte sie in das schräg gegenüberliegende Haus der ihrer Herrin befreunbctcti Iamilie Kohn, athemlvs berichtete sie hier von der Aufregung der schwachen Frau und ihrer eigenen Dummheit. Herr und Frau Kohn eilten unverzüglich hinüber; sie fanden die Unglückliche in einer an Verzweiflung grenzenden Aufregung und sahen sich gezwungen, sie von Allem in Kenntnis; zu setzen. Von Neuem sank Bertha auf's Krankenlager und dieses Mal erholte sie sich nicht wieder so rasch. Monate waren verstrichen, bevor sie das Bett