Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1879)
- Date
- 1879-01-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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84 wieder verlassen konnte, und als sie es endlich! verlassen, war sie gebrochen an Leib nnd Seele. Sie war ja Wittwe und ihr Kind eine Waise. — j Nimmer sollte sie ihn Wiedersehen, den sie so heiß,! so unaussprechlich geliebt. Der Frühling nahte; am blauen wolkenlosen Firmament glänzte hell und strahlend die Sonne. Mit dem frischen blühend schönen Kinde im Arm brachte die alte Dienerin ihrer Herrin die ersten Schneeglöckchen — es waren ihre Lieblingsblumen. Doch Bertha stieß sie heftig zurück und eilte hinaus; sie konnte die Blumen jetzt nicht sehen, die des Gatten Liebe ihr sonst gereicht. In ihr war jede Lust, jede Freude erstorben, und nicht einmal der Anblick ihres rosigen Kindes war im Stande, ihr ein Lächeln zu entlocken. — Grollte sie dem Kinde, weil sie um seinetwillen den Gatten allein hatte fortlassen müssen? — zuweilen glaubte sie es, aber gleichwohl liebte sie es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit — aber nur mit leidenschaftlicher, nicht mit freudiger. Mit aufopfernder Bruderliebe hatte ihr Schwager sich ihrer angenommen, hatte für ihre und ihres Kindes Bedürfnisse gesorgt, aber ihre langwierige Krankheit und ihre noch langwierigere Reconvalescenz hatten für die Verhältnisse des wenig begüterten jungen Mannes enorme Summen verschlungen, und als Bertha endlich anfing, sich zu erholen und an ihrer Umgebung eine Art Interesse zu nehmen, da sah sie ein, daß sie die Unterstüzzung ihres Schwagers, der um ihretwillen sich selbst Entbehrungen auferlegte, ferner nicht annehmen dürfe, und mit dieser Erkenntniß erwachte ihre Thatkraft. Sie hatte kein Vermögen und keine vermögende Verwandten, sie mußte selbst für sich und für ihr Kind den Unterhalt zu erwerben suchen — es war eine schwere Aufgabe, für eine schwache, kränkliche, gebrochene Frau. — Aber eben die Schwierigkeit dieser Aufgabe erhielt sie aufrecht, verlieh ihr, wenn auch nicht Lebensmuth, doch Lebenskraft. — Sie mußte leben, mußte leben für ihr Kind — das Leben ihres Kindes hing an dem ihren. Benjamin Grünfeld hatte es als seine Pflicht bezeichnet, für die Hinterbliebenen seines Bruders zu sorgen; er glaubte es nicht zugeben zu dürfen, daß die zarte, kränkliche Frau durch anhaltende Arbeit ihre ohnehin stets schwankende Gesundheit gefährde. Doch mit einer Festigkeit, wie sie nur das ernsteste Pflichtbewußtsein * dem Schwachen verleiht, hat Bertha ihm erklärt, daß sie keinen Kreuzer weiter von ihm nehmen werde. Wolle er sie unterstützen, so möge er ihr helfen, Arbeit zu finden, wodurch sie sich und ihr Kind ernähren könne; bis dahin aber wolle sie von dem Erlös ihrer entbehrlichen Habseligkeiten ihren Unterhalt bestreiten. Grünfeld, überrascht von dieser energischen Sprache der bisher vollständig Hilflosen, versuchte umsonst Einwendungen zu machen und entschloß sich endlich, ihren Wünschen zu entsprechen. Er besorgte den Verkauf der bessern Möbel und wenigen Luxusgegenstände, und sah sich gleichzeitig nach einer zweckentsprechenden Arbeit für sie um. Bertha hatte bisher ihre einfache Garderobe selbst verfertigt, er machte ihr den Vorschlag auch für Andere Kleider anzufertigen und versprach, in diesem Falle ihr Arbeit zu verschaffen. Sie war mit Allem einverstanden und hatte in Kurzem so viele Bestellungen, daß sie nicht im L-tande war, alle-, zu genügen. Wäre sie nur kräftiger gewesen, sie hätte ohne übermäßige Anstrengung sich und ihr Kind ernähren können, denn sie war unermüdlich thätig und die Theilnahme ihrer Bekannten ließ es ihr nie an Arbeit fehlen. Aber ihre Kränklichkeit zwang sie oft. Tage, zuweilen gar Wochen lang zu feiern. So ernährte sie sich zwar anständig aber doch mitunter recht kümmerlich. Die Zeit verging, ihr Töchterchen wuchs heran. Jakobine war ein munteres schönes Kind, das mit seinen großen feurigen Augen frisch und keck in die Welt schaute. Bertha liebte ihr Kind. ihr Eines und ihr Alles, mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Aber ihr tragisches Geschick. ihre Kränklichkeit, die anhaltende Arbeit, zu der sie sich gezwungen sah, dieses Alles hatte sie so sehr daniedergedrückt, daß sie nicht im Stande war, dieser Zärtlichkeit den richtigen Ausdruck zu gewähren. Nie konnte sie mit ihrem Kinde tändeln, auch nicht an Sabbat oder Feiertagen, an denen sie doch strengstens jeder Arbeit sich enthielt; nie vermochten die harmlosen Spiele, das unschuldsvolle und oft liebliche Geplauder der Kleinen ein Lächeln ihr zu entlocken. Mit stürmischer Heftigkeit, thränenden Auges, pflegte sie sie an ihre Brust zu drücken, lächelnd nie. — Und dem frischen rosigen Kinde voll Jugendübermuth uud Lebenslust fehlte jedes Verständniß für die Trauer der Mutter. Warum sollte sie trauern? Die Welt war doch so schön. Auf dem mit Gras bewachsenen Hof prangten die herrlichsten Wiesenblumen , in den Bäumen zwitscherten die Vögel und ein Paar Erdbeerstauden und ein Kirschbaum und ein Apfelbaum versorgten die Kleine das ganze Jahr hindurch mit süßem Obst, warum sollte sie trauern? Uebec das anhaltende Arbeiten vielleicht? ach, das war ja auch nur ein schönes verlockendes Spiel. Wie das Rad so munter sich drehte und wie gern