Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1879)
- Date
- 1879-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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80 das würde zu viel Aufsehe« erregen. und man könnte gar leicht den Veranstaltern auf die Spur kommen. Aber ich habe bereits einen Plan fertig. Dieser Joselin muß eines gemeinen Verbrechens wegen verhaftet und gehängt werden. Ein solcher Schlag würde nicht allein ihn. er würde die ganze Judenheit in ihrem kaiserlichen Befehlshaber, in ihrem größten Manne, in ihrem angebeteten Heiligen treffen; ein solcher Schlag würde auch vernichtend auf das Haupt jenes schändlichen Reuchlin und seiner Spießgesellen fallen." „„Ihr seid zu bewundern. Bruder Johannes! Welch ein köstlich Juwel hat die heilige Kirche in Euch gewonnen! Und welches ist Euer Plan?"" ..Ihr wißt, hochwürdigster Herr, daß in neuster Zeit die Kipper und Wipper ihr Unwesen treiben, indem sie die Goldmünzen beschneiden und abfeilen. Auf dieses Verbrechen hat des Kaisers Majestät den Tod durch den Strang gesetzt. Gelingt es uns, den Juden Joselin dieses Verbrechens zu überführen ..." „„Aber wie wollt Ihr das anfangen?"" „Wenn uns der regierende Herr Bürgermeister seine Beihilfe gewähren wollte, so wäre das sehr leicht." „„Der Herr Bürgermeister ist mein guter Freund und ich hoffe ihn zu Allem bestimmen zu können, was zum Heile der Kirche nothwendig erscheint."" „Dann dnngt man bei Nacht in die Wohnung des Joselin. durchsucht dieselbe, confiscirt die vorhandenen Goldstücke und findet eine Partie Goldschnitzel, die man vorher in einen beliebigen Winkel geworfen hat. Daraufhin wird der Jude verhaftet und ihm der Proceß gemacht. Das peinliche Verhör thut das Uebrige." „„Laßt Euch umarmen, Bruder Johannes! Ihr seid ebenso klug wie eifrig zur Verherrlichung der Kirche! Und nun, gehen wir sofort zum Bürgermeister und versichern uns dessen Beihilfe."" Mit welcher Freude der regierende Bürgermeister von Ober-Ehnheim die Gelegenheit ergriff, feine Rache an dem verhaßten Juden zu nehmen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ungeduldig hörte er die salbungsvollen Erklärungen des Priors an, der ihm lang und breit auseinandersetzte, wie verdienstlich es sei. den Juden Joselin aus der Welt zu schaffen, und als nun der saubere Plan enthüllt wurde, da hatte Herr Jakob Brand Mühe, seine Freude zu verbergen. „Euch, gestrenger Herr Bürgermeister", sagte Pfefferkorn, nachdem der Prior seine lange Rede beendet hatte, „Euch trifft nicht die geringste Verantwortlichkeit; diese übernimmt, mag die Sache auSfallen wie sie will, der Orden des heiligen Dominicus. Die heiligen Prediger-Mönche von Cöln werden überdies sich Eurer Gestrengen dankbar zu bezeigen wissen." „Ich bin bereit; entgegnete der Bürgermeister, „den Herren zum Willen zu sein; allein der wohlausgedachte Plan deS Herrn Johannes ist in dieser Weise unausführbar. Die Behörde kann nicht so ohne Weiteres in die Häuser einfallen und Haussuchung thun ohne Verdacht, ohne vorhergegangene Jndicien. Ja, wenn eine Denunciation vorläge, wenn ein beschnittenes Goldstück als corxus delicti in unfern Händen wäre, von dem behauptet würde, daß es durch des Juden Joselin Hände gegangen; und dann müßte der Denunciant ganz unverdächtig sein; am Besten wär's, wenn derselbe em Jude wäre." „Das wird schwer halten", sagte Pfefferkorn, „diese Juden halten zusammen wie die Kletten." „Vielleicht" , fragte der Prior, „ließe sich Euer Schützling und Günstling, der Herr Stadtschreiber ." „Nein, nein", unterbrach ihn der Bürgermeister, „es darf Niemand vom Magistrate sein; und dann, wenn der Denunciant ein Jude wäre — das würde viel besser sein." „Ich kenne", sprach der Prior bedächtig, „einen armen Teufel, der vielleicht zu erkaufen wäre; er heißt Pheiwel und läßt sich für Geld zu Allem gebrauchen." „Ah, der triefäugige Pheiwel", sagte der Bürgermeister, „der Trunkenbold", dem alle Juden hier feind find, weil er den Wein der Bauern nicht verschmäht! Nun, gut Glück, hochwürdigster Vater! Für den guten Firnen-Wein im Klosterkeller ist der gewiß zu gewinnen. Sobald die Denunciation vor sich gegangen und ich ein corpus delicti in Händen habe, werde ich zur Haussuchung schreiten"*). (Forsetzung folgt.) *) In ganz ähnlicher Weise wurde um die Witte des vorigen Jahrhunderts gegen hochangesehene Israeliten zu Frankfurt a. M. eine falsche Anklage geschmiedet und zur Ausführung gebracht. Herr Benjamin Niederhofheim zu Frankfurt ist im Besitze der Proceß-Acten. Hierzu sechs Beilagen. Verantwortliche Redaction: I)r. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).