Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1879)
- Date
- 1879-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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77 Folgerungen zu unseren Ungunsten ziehen? Im Kriege gilt doch weder Protektion, noch Kniffigkeit: „Da tritt kein anderer für ihn ein Auf sich selber steht er da gan; allein.' (W. Nenzeit) Prag, im Januar. Das vergangene Jahr, an Ereignissen so reich, hat die hiesigen jüdischen Gemeindezustände ganz unberührt gelassen; dieselben sind nicht schlechter, aber auch nicht besser geworden. Das hier seit jeher ^lebendige Interesse für Wohlthätigkeitsvereine hat auch durch die schlechteren Erwerbsverhältnisse nicht nur gelitten, sondern ist bei der immer mehr zunehmenden Zahl der Hilfsbedürftigen sogar ein gesteigertes. Die Wohlthätigkeitsanstalten, besonders der israelitische Nächstenliebeverein, erfreuen sich einer großen Theilnahme, wie denn auch der jüngst verstorbene Private Herr Dr. Josef Seegen diesem Vereine 5000 fl. testirte. Am verflossenen Chanuka fand auch wie alljährlich den gegenwärtig nicht zu umgehenden Feierlichkeiten die vom hiesigen Chanukaverein veranstaltete Betheiligung statt, bei welcher 80 arme Kinder mit einer vollkommenen Ausstattung von Kleidern und Wäsche betheilt wurden. Der Vereinspräsident. Herr Jacob Brand eis früher Redakteur des hiesigen, jüdische Interessen vertretenden Wochenblattes, „Die Gegenwart", begrüßte die Vereinsmitglieder und zahlreichen Gäste und dankte denselben für die opferwillige Theilnahme zum Besten der unverschuldet in einer so traurigen Lage sich befindlichen Kinder, um dieselben in den Stand zu setzen die Schule zu besuchen, und nützliche Mitgliederder Gesellschaft zu werden. Der alte Brauch, am Chanuka auch der Armen zu gedenken, findet hier die schönste Anwendung. Besondere Anerkennung verdient das im Vereine wirkende Frauen-Cvmitv, welches sich um den Aufschwung dieses Wohlthätigkeitsvereins besondere Verdienste erworben hat. — Der populär wissenschaftliche Verein „Afike Jehude" hat seit November seine Vereinsabende eröffnet, in welchen die Herren Dr. Grün, Dr. Stein und Religionslehrer Freund interessante Vorträge abhielten, welche sich einer zahlreichen Zuhörerschaft erfreuten. Der Verein wendet auch der Talmudthoraschule seine Obsorge zu, indem derselbe zur Erhaltung der Talmudthoraschule aus den Mitteln des Vereins 250 fl. beisteuert. Die Talmudthoraschule wird eigentlich von der Cultusgemeinde erhalten; dieselbe besteht aus 4 Klassen, in der letzten Klasse wird auch den reiferen Schülern einiger Talmudunterricht ertheilt. Die Lehrerstelle für höheren Talmudunterricht ist unbesetzt. In der letzten Zeit hat sich die Repräsentanz der Cultusgemeinde auf Veranlassung des Herrn Rabbiners Herschm. TeweleS vielfach mit der Ordnung der Schächterfrage beschäftigt. Die Klagen über die Leichtfertigkeit der Fleischhauer bei Behandlung des Koscherfleisches dürften bei Anstellung eines tüchtigen berufstreuen Funktionärs aufhören/ da die Fleischhauer bei gehöriger Aufsicht sich wohl hüten werden, die rituellen Vorschriften zu vernachvjssigen. In den letzten Tagen hatten wir das Ableben des um die hiesige Cultusgemeinde sehr verdienstreichen Herrn Simon Jacob Bunzl zu bedauern. Sowohl der Verblichene als auch sein seliger Vater Herr Jacob Bunzl haben sich vorzügliche Berdiensteum die Erhaltung des Talmudstudiums erworben, und zu diesem Zwecke Stiftungen errichtet. Außerdem hat Herr Simon Jacob Bunzl eine bedeutende Stiftung für Studirende mit Lehramtscandidaten, und eine Heirathsstiftung schon vor einigen Jahren in's Leben gerufen. In seinem Testamente bedachte er alle jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten mit bedeutenden Beträgen. Herr Rabbinatsverweser Adler gab in der Grabrede den Gefühlen der Trauer um diesen seltenen Wohlthäter und hervorragenden Gönner der jüdischen Wissenschaft warmen und lebhaften Ausdruck. Rumänien. Bukarest, 31. Dezember 1878. Der gewesene Minister des Innern und derzeitige Kammerpräsident, Herr C, A. Rosetti, reist heute nach Rom ab und begibt sich von dort nach Paris und London. Wie in kompetenten Kreisen versichert wird, hat Rosetti die außerordentliche Mission, daß die bekanntelich bisher faktisch noch nicht erfolgte Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens durch Frankreich, Italien und England endlich auch thatsüchlich realisirt werde, was sodann, wie man sich hier sagt, auch von Seiten Deutschlands alsbald erfolgen werde, weshalb Hr. Rosetti für jetzt Berlin nicht zu berühren gedenkt, es müßten denn ganz besondere Zwischenfälle während seiner Reise sich ergeben. Nachdem nun, wie bekannt, die Anerkennung unserer Unabhängigkeit durch die eben gedachten vier Staaten von der vollständigen Lösung der Juden- Emauzipations-Frage auch bis zu diesem Augenblicke abhängig gemacht wird, so ist es klar, daß diese Reise des Kammerpräsidenten eigentlich der viel vcntilirteu Judenfrage gilt. Wenn man auch in den betreffenden Kreisen in Abrede stellt, daß der jüngst singnalisirtc Modus der Lösung jener Frage durch das einfache Fat-