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Der Israelit · 1879-01-15 · Heft 3 (15.1.1879) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 3 (15.1.1879)
Date
1879-01-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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60 mochte und die Behörde in C.... veranlaßte, Ach! in dieser Angelegenheit an ihn zu wenden.! Lange bevor der Morgen graute, befanden sich! die Freunde auf dem Wege nach C.... nnd gegen! halb neun Uhr hatten sie das Ziel ihrer Reise j erreicht. j Grünfeld befand sich in furchtbarer Erregung; z in den verflossenen Stunden war kein Wort über seine Lippen gekommen, und so dringend ihn Kohn auch bat, er war nicht zu bewegen, auch nur das Geringste zu genießen. „Lassen Sie mich zuerstallein hingehen. Sie sind zu aufgeregt und so fern Ihnen der Betreffende hoffentlich auch gestanden, ein derartiger Anblick ist immer erschütternd." Doch Grünfeld ließ sich nicht zurückhalten, und Beide begaben sich unverzüglich zu dem Absender der Depesche, dem Bürgermeister Müller. Mit zuvorkommender Höflichkeit empfing sie dieser, entschuldigte sich bei Kohn, daß er sich an ihn gewandt und bestätigte hierbei dessen unausgesprochene Vermuthung, daß das erwähnte Schreiben in der Brieftasche des Ertrunkenen ihn dazu veranlaßte. Auf den Arm des Freundes gestützt, betrat Grünfeld das Zimmer, in dem die Leiche sich befand. Ein heftiges Zittern hatte den kräftigen jungen Mann erfaßt und voll Theilnahme blickte auch der sie begleitende Bürgermeister auf ihn. „Setzen Sie sich einige Minuten und erholen Sie sich zuvor." „Nein, nein", stammelte Grünfeld und strebte vorwärts zu der Bank, auf der ein weißes Laken einen menschlichen Körper verhüllte. Kohn geleitete den an allen Gliedern Bebenden dorthin. „Ich bin überzeugt", sprach er mit seltsam heiserer Stimme, „ich bin überzeugt, wir erblicken einen uns ganz Fremden" und entschlossen schlug er das Tuch zurück, das das Antlitz der Leiche bedeckte. Aber sie waren in der That nicht im Stande, die Züge des Verstorbenen zu erkennen; der lange Aufenthalt im Wasser hatte sie vollständig unkenntlich gemacht. Und auch die Kleider, die neben der Leiche sich befanden, boten kein Merkmahl. Das Zeichen der Leibwäsche schien durch häufiges Waschen unkenntlich geworden zu sein, die Oberkleidcr waren aus einfachen aber ziemlich feinem dunklem Tuch von modernem Schnitt, ebenfalls durch das Wasser stark angegriffen. Doch wenn sie auch wohlerhalten gewesen wären — Tausende tragen die gleiche schwarze Kleidung. Das Portefeuille war das Einzige, das die Identität der Leiche als die des entflohene" Wein- > reisenden bestätigte. Es war von festem I.'.chtenj leder und wohl verschlossen in der Brusttasche des Oberrockes des Ertrunkenen gefunden worden. Das Wasser hatte es nur wenig angegriffen; der Inhalt war völlig unversehrt. Auf den ersten Blick erkannten es sowohl Grünfeld als Kohn, denn außer den bereits erwähnten Gegenständen befand sich in demselben das wohlgetroffene Brustbild der Gattin des Entflohenen. Grünfeld stieß einen Schrei aus und brach ohnmächtig zusammen. — Waren auch die Gesichtszüqe des Verstorbenen total unkenntlich geworden, Statur, Farbe des Haares und zudem der Inhalt des Portefeuilles ließen keinen Zweifel, daß er in der That die sterblichen Ueberreste seines Bruders vor sich sah. Und so ward es denn constatirt, daß der Weinreisende auf seiner Flucht den Tod gefunden hatte. Hatten frevle Hände ihn hinabgestoßen in die Fluth? — oder hatte Verzweiflung ihn in den Tod getrieben? — wer hätte Aufschluß darüber geben können? Von gar vielen Seiten hörte man Letzteres als das Wahrscheinlichste bezeichnen. — Der Ehrgeiz des jungen Mannes war bekannt, bekannt auch, daß wegen Meineid eine Kerkerhaft ihm bevorgestanden und daß sein Posten ihm gekündigt war. War das nicht genügend, einen leichtsinnigen jungen Mann zum Selbstmord zu bringen? 'Vollständig gebrochen kehrte Benjamin Grünfeld an der Serie seines Freundes heim, nachdem sie zuvor die Leiche des Verunglückten auf dem israelitischen Friedhof zu C... zu Grabe geleitet. Die sieben Trauertage waren zu Ende. Im Befinden der Wöchnerin hatte sich doch allmählich eine günstige Wendung geltend gemacht; die Heftigkeit des Fiebers hatte abgenommen, das Bewußtsein war zurückgekehrt. Von alle den Gerüchten, die über die Flucht ihres Gatten im Umlauf waren, war selbstverständlich keines zu ihr gedrungen und sie sehnte sich, nun die Nachricht, der er, wie sie glauben mußte, voll Verlangen entgegensah. auf dem verabredeten Wege ihm zukommen zu lassen. Sie hatte daher ihren Schwager zu sich bitten lassen und dieser saß nun an dem Bette der bleichen, vollständig erschöpften Frau. Sie war noch so schwach, daß er sich tief zu ihr hinunterbeugen mußte, um ihre geflüsterten Worte zu verstehen. „Benjamin" sprach sie, indem sie die Hand, die er ihr gereicht hatte, zu drücken versuchte, „wie soll ich Dir danken für alle die Liebe und Güte, die Du mir und meinem Kinde erwiesen hast." „Liebe, gute Bertha, wie kannst Du von der-

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