Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1879)
- Date
- 1879-01-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61 gleichen reden. Ist es denn nicht meine Pflicht, so weit es in meinen Kräften steht, für Euch zu sorgen?" „Du bist so gut —" „Ich bitte Dich, Bertha, lasse das. Das Sprechen strengt Dich überdieß an; darum lasse mich nur ruhig an Deinem Bette sitzen. Ich freue mich, daß es Dir Gottlob etwas besser geht." „Ader ich möchte Dich um etwas ersuchen — ich habe eine Bitte —" murmelte sie. „Ich werde sie mit Freuden erfüllen; nur streng Dich mit dem vielen Sprechen nicht an." sehnen — der Arme — er weiß noch nicht einmal, daß er ein Töchterchen hat." Grünfeld war nicht im Stande, einen Seufzer zu unterdrücken. „Du darfst ihm nicht grollen" , fuhr sie mit Anstrengung fort, „er hat zwar sehr leichtsinnig gehandelt, aber o, wenn Du wüßtest, wie sehr er bereut —" „Ich kann es mir denken" murmelte er, „doch nun darfst Du nicht mehr sprechen", fügte er hinzu, indem er sich erhob. „Sei nur ganz unbesorgt, ich schreibe noch heute nach H...." Er neigte sich noch tiefer zu ihr, um auch ihre leisesten Worte nicht zu überhören. „Wenn wir allein sind"; flüsterte sie, „kannst Du die Kathi vielleicht hinausschicken?" Mit schmerzlichem Seufzer erfüllte er ihr Begehren; ihm ahnte bereits, was sie von ihm verlangen werde. Er ertheilte der Alten einen Auftrag, der sie veranlaßte, das Zimmer zu verlassen. „Wir sind allein"; sprach er, indem er den Ellenbogen des rechten Armes auf seine Knie stützte und mit der Hand sein Ant!itz beschattend, den Ausdruck desselben der Kranken zu entziehen sich bemühte. „Benjamin", hob sie nach kurzer Pause von Neuem an: „Du hast wohl von Jakob noch keine Nachricht?" Er schüttelte seufzend das Haupt. „Das darf Dich nicht beunruhigen", fuhr sie nicht ohne Anstrengung fort: „Jakob erwartet zuvor von mir Nachricht." „Du kennst seinen Aufenthaltsort?" fragte er mit bebender Stimme. „Das nicht, aber ich habe versprochen, dem Banqieur K... in H.... Nachricht von mir zu geben. Jakob wird sich bei ihm erkundigen und! mir durch ihn mittheilen lassen, wo ich ihn trefj fen soll." „Du mußt nur zuvor kräftiger werden", er- * wiederte er gepreßt. „Freilich, freilich — augenblicklich kann ich noch nicht reisen. — Aber, wenn Du die Güte haben wolltest, für mich nach H.zu schreiben — Jakob wird sich so ungeduldig nach Nachricht „Willst Du nicht auch fragen, ob keine Nach- | richt für mich dort ist?"! „Gewiß, gewiß. Und so bald ich Antwort! erhalte, theile ich sie Dir mit — aber Du darfst > sie nicht ^u bald erwarten. K. . ist vielleicht i verreist, da können Wochen vergehen, bevor er I meinen Brief erhält." Er eilte hinaus, er war nicht länger im Stande, dem Ausbruch seiner Gefühle Einhalt zu gebieten. Mit mühsam unterdrücktem Schluchzen lehnte er im Hausgang, wohin die alte Kathi mit seiner! kleinen Nichte im Arm ihm gefolgt war. „Herr Grünefeld, ich bitte Sie um Gotteswillen , fassen Sie sich. Ihre Schwägerin wird Sie hören und wird erschrecken und ich weiß nicht, was ich ihr dann sagen soll." Die Alte hatte recht, aber er konnte sich nicht mäßigen — er hatte seinen Bruder aufrichtig ge- . liebt und empfand dessen Verlust mit alle den! entsetzlichen Nebenumständen zu schmerzlich. Er preßte das Tuch zwischen die Lippen und verließ hastigen Schrittes das Haus. Es war ohnehin Zeit, daß er sich dem eigenen Geschäfte wieder widmete; er hatte es in der jüngsten Zeit nur allzusehr vernachlässigt und dabei hatten sich seine Ausgaben mehr als verdoppelt, denn den Unterhalt feiner Schwägerin und Nichte hatte er zu bestreiten. Sein unglücklicher Bruder hatte zwar die Absicht gehabt, den größten Theil seines an demselben Tage empfangenen Gehaltes seiner Frau zurückzulassen; doch in der Ueberstürzung seiner Flucht, in der Aufregung des Abschieds war diese Absicht nicht zur Ausführung gelangt. (Fortsetzung folgt.)