Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1879)
- Date
- 1879-01-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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58 Weil y'i lange Jahre Vorsteher der Gemeinde war, welches Amt er mit der größten Gewissenhaftigkeit und Interesselosigkeit' zum Wohle der Gemeinde verwaltete. Wenn ich aber davon sprach, daß er dem jetzigen Rabbiner, einem Schüler de- Breslauer Seminars, ein Halt beim Reformiren zurief, fi muß ich das, und mit Freuden thue ich es, einschränken; er hat, wie ich jetzt sicher weiß, nur einmal, als man denip-ne mp' abschaffen wollte, Gelegenheit gehabt, in neuester Aera seine Festigkeit zu erproben. Im Uebrigen ist in Schm, noch Alles beim Alten und ist auch volle Hoffnung vorhanden, daß es so bleibe, Ich bedauere also tief, wenn ich durch jene Correspondenz Jemandem sollte Unrecht gethan haben; mit Absicht war es nicht geschehen. Die hiesigen Blätter brachten jüngst in ihrem Jnseratentheile die Anzeige, daß demnächst zu Gunsten des Stipendienfonds der hiesigen Hochschule für die Wissenschaften des Judenthums ein Cyclus von o Vorträgen beginnen werde. Es werden vortragen Prof. Steinthal über Toleranz, Geh. Sanitätsrath Krist el l er über Romantik und Minne im Judenthum, Rector Horwitz über Mutter und Kind in pädagogischem Sinne nach jüdischen Quellen, vr. David Cassel über die optimistische Weltanschauung der Juden, Or. I. Levy über das jüdische Gebet (Schemone Esre) und vr. Frankl über die babylonischen Hochschulen. Wir sehen also, die Hochschule wird durch ihre vier Docenten — Frankl lehrt, glaube ich, seit längerer Zeit Homiletik — vertreten sein, zu denen sich noch ein in der jüdischen Gelehrtenwelt ziemlich unbekannter Arzt und der Rector der hiesigen Gemeinde - Knabenschulen gesellen. Die religiöse Anschauungsweise jener Herren ist ja wohl ziemlich genau bekannt und ihre Namen kennzeichnen schon im Voraus den Charakter und den spezifischen Gehalt ihrer Vorträge. Zunächst soll also über Toleranz abgehandelt werden. Herr Prof. Steinthal ist bekanntlich außerordentlicher Professor der hiesigen Universität und zugleich Herausgeber einer Zeitschrift für Völkerkunde. Hier in dieser Zeitschrift fühlte sich der Herr Professor jüngst gedrungen , sein Glaubensbekenntniß abzulegen und erklärte offen und rückhaltlos, daß er die Idee eines Gottes, einer Seele und der Unsterblichkeit längst über Bord geworfen habe und sich zu dem bekannten Grundsatz bekenne, homo homini deus est, daß der Mensch sich selbst ein Gott sei. Herr Steinthat erfreut sich unter den Fachgelehrten eines guten Namens als Sprachforscher und Philosoph, aber zum Lehrer von Rabbinatscandidaten eignet er sich, wie Jeder sofort sieht, nach allem dem nicht. Ein Mann, der die allererste Grundlage einer je den Religion, nicht blos der jüdischen, beseitigt, der in allen seinen Vorträgen und Schriften dieser seiner Anschauungsweise einen rückhaltlosen Ausdruck gibt und selbstredend in seinem öffentlichen und privaten Leben nach solchen Normen handelt, ein solcher Mann erschien gleichwohl für geeignet, an einer Anstalt von specistsch jüdischem Charakter zu dociren und zwar in Ethik urd zeitweise auch in biblischer Exegese. Allein der Begriff einer jüdischen Anstalt ist überaus dehnbar und selbst der wohlweise Vorstand der hiesigen Gemeinde nimmt keinen Anstand, einer solchen Anstalt eine nicht unbedeutende Subvention zukommen zu lassen. Nach allem dem braucht man also gar nicht gespannt darauf zu sein, was der Herr Professor für eine Toleranz predigen wird. Irren wir nicht, so ist derselbe auch Mitglied des hiesigen Vorstandes oder steht zu demselben in so sympathischer Beziehung, daß er weiß, welche Art von Toleranz dort gegen die Conservativen geübt wird. Und doch ist man in jenen Kreisen immer geneigt nur über Intoleranz und Fanatismus der Orthodoxen zu schimpfen. Ferner kündigt Herr Horowitz einen Vortrag pädagogischen Inhalts an. Es ist zur Genüge bekannt, in welcher destructiven Tendenz dieser Herr, die seiner Leitung unterstellten Anstalt regiert. Da wird mit systematischem Fanatismus Alles, was nur noch von jüdischem Gefühl dorthin gebracht, aus den jugendlichen Herzen der Zöglinge durch alle erdenklichen Mittel verscheucht; da gibt's keine Pietät vor den heiligsten Vorschriften, Nichts als Ironie und Sarkasmus. Und dieser Mann, der ein bedeutendes pädagogisches Talent besitzen soll, aber nicht eine Spur von dem einem jüdischen Schuldirigenten nöthigen Ernste und Ehrerbietung vor jüdischer Lehre und Sitte zeigte, bildete die jungen Leute zu Lehrern der jüdischen Jugend heran und weiß in der ihm eigenen cynischen Manier einen unwiderstehlichen Einfluß auf die Denkungsart feiner Schüler auszuüben. Beispielsweise wurde uns jüngst erzählt von einem Mann, er hätte seinen Sohn für die Schule angemeldet und wäre in seinem Innern empört gewesen, vom Rector die Mahnung zu vernehmen, sein Kind brauche dort kein Arba Kanfoth. Während wir diese Zeilen schreiben, hat der Chanuka bereits feit einigen Tagen seinen Einzug in die jüdischen Häuser gehalten. Heute Morgen begegneten wir einer Schaar von Knaben, welche mit ihren Schulmappen aus der Schule kämm. Als wir verwundert fragten, woher sie kommen, erhielten wir zur Antwort, von Horowitz. Die jüdische Gemeinde hält es also sonderbarer Weise für einen Act der Toleranz,