Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1879)
- Date
- 1879-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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56 Tischgebet und das Nachtgebet, und selbst Gerson der jüngste, der noch nicht drei Jahre zählte, jagte den ersten Abschnitt des „Schema" dem entzückten Vater her. Als nun die Prüfung zu Ende war, da umarmte Rabbi Joselmann seine Gattin und sprach: „Wahrlich, ich darf mich getrost mit den allgemeinen Angelegenheiten beschäftigen; für die Erziehung meiner Kinder sorgt mein braves Weib. Wie Recht hat doch der weise König, da er sagt: Ein biederes Weib, wer findet es? Seltner als Perlen ist ihr Erwerb." Und dann erzählte er seinem entzückt aufhorchenden Weibe von all den Erfolgen, die er errungen, von all den Ehren, die ihm zu Theil geworden und von den glänzenden Aussichten, die ihm in Worms für seinen ältesten Sohn Jakob waren gemacht worden. „Und nun", schloß er seine Erzählung, „hat auch hier der allgütige Gott mein Bemühen gesegnet; die armen Eingekerkerten werden wahrscheinlich noch heute freigelassen werden." „„So könnten wir"'", sprach Sarah, „„gleich heute nach Rosheim zurückkehren und Du mit uns."" „Nein, das können wir nicht; ich habe hier noch Manches für jene Armen zu ordnen. Auch habe ich hier einige Geschäfte gemacht, die noch nicht abgewickelt sind, und der Rofch Haschonoh ist vor der Thüre. Die Kehilloh hat mir das ganze Haus hier eingeräumt; wir haben Alle Platz darin; was uns sonst noch fehlt, wird man uns gern leihen. So wollen wir denn für's Erste j hier bleiben und das Fest in Ober-Ehnheim feiern." Unterdeß hatte in der Rathssttzung Dietrich j von Kestenholz ein offenes Geständniß abgelegt j und.seine falsche Anklage, voll und ganz, zurückgenommen. Er wurde verurtheilt, mit Kolbenj schlagen getödtet und dann aufs Rad geflochten j zu werden, die gefangenen Juden aber wurden sofort in Freiheit gesetzt. Raphael vonOber-Ehnheim gab die Schuldscheine des Junker Heinrich heraus und erhielt dafür einen neuen vom Bürgermeister, auf die Hälfte lautenden, in fünf jährlichen Raten zu bezahlen. Der Widerruf des langen Dietrich und die Freilassung der der Hostienschändung fälschlich angeklagten Juden erregten weit und breit ungeheures Aufsehen. Seit Menschengedenken war so etwas nicht vorgekommen. Eine solche Beschuldigung hatte sonst immer mit der Hinrichtung der Beschuldigten und mit einer allgemeinen Judenverfolgung geendet. Daß diesmal die Unschuld der Juden an den Tag gekommen, war lediglich Rabbi Joselmanns Verdienst, welcher dem verstockten Dietrich so zu Herzen gesprochen. Das christliche Volk begann, zum ersten Male seit Jahrhunderten, einzusehen, daß den Juden vielfach Unrecht geschehe , daß Lug und Verleumdung gegen sie nur allznwilliges Ohr finden. Sicherlich waren auch früher alle derartige Beschuldigungen falsch gewesen — es war nur kein Joselin von Rosheim da, der die Wahrheit an das Licht gebracht hätte'. Um so mehr brachte man diesem die größte Verehrung entgegen, nicht nur von Seiten seiner Glaubensgenossen, sondern auch von Seiten der Nichtjuden. „Ja", sagten die Juden, „Rabbi Joselmann ist ein großer Kabbalist, der bringt fertig, was kein Anderer kann." Und die Nichjuden ließen sich dann erklären, was ein Kabbalist sei. So kam Rabbi Joselmann in den Ruf eines heiligen, mit übernatürlichen Kräften ausgerüsteten Mannes. Alles drängte sich herbei, ihn zu sehen, mit ihm Geschäfte zu machen. Das Geldwechselcomptoir, das er in Ober-Ehnheim eingerichtet hatte, wurde von Morgens bis Abends nicht leer; denn jeder vermeinte, beionderes Glück mit den Münzen zu haben, die durch Joselins! Hände gegangen waren. Einer aber theilte die allgemeine Begeisterung für Joselin von Rosheim nicht, und dieser Eine war Herr Jakob Brand, der regierende Bürgermeister von Ober-Ehnheim. Der Jude Joselin hatte seine Pläne durchkreuzt, war seinem Zorne mit Hohn entgegengetreten, hatte noch überdies verschuldet, daß der Herr Bürgermnster Tag und Nacht sorgen und sich Entbeh. rungen auflegen mußte, um alljährlich hundert Gulden bezahlen zu können — eine Schuld, von der er schon befreit zu sein gewähnt hatte. Dafür haßte er den Befehlshaber und Regierer der gesammten Judenheit deutscher Nation' mit dem glühendsten Hasse und ersehnte die Gelegenheit zur Rache herbei. Tausend Rachepläne durchzogen seinen Kopf; er mußte sie alle als unausführbar verwerfen. Da kam ihm Hilfe und Beistand zur Ausführung seiner schändlichen Rache, ganz unerwartet, ganz ungeahnt. (Fortsetzung folgt.) Hierzit drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottLleben'L Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).