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Der Israelit · 1879-01-15 · Heft 3 (15.1.1879) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 3 (15.1.1879)
Date
1879-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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55 aber leider zeigten sich die Krankheiten und richteten unter den Unglücklichen die die größten Verheerungen an. Zu einer sehr heftigen Pockenepidemie gesellten sich Typhus, Masern und ansteckende Darmentzündungen. Diese letztere Krankheit, die man im Lande Cholera nennt, fordert zahlreiche Opfer. Plötzlich erscheinend, rapide sich entwickelnd und fast immer tödlich, ist sie eine der furchtbar, sten Plagen, der die stärksten Constitutionen in 2 bis 3 Gründen erliegen. Es ist begreiflich, welche Lücken sie in der ärmeren Claffe gemacht hat, die gleichwohl sich fortwährend vermehrt, da die Neuankommenden die Verstorbenen ersetzen. Das Mellah hat übrigens die traurigsten hygienischen Verhältnisse und würde bald alle seine Bewohner verschwinden sehen, wenn die Krankheit nicht gegen sich einen europäischen unerschrockenen Kämpfer aufrecht fände, der ihr gar zahlreiche Opfer tapfer und mit Erfolg streitig macht; alle Einwohner von Mogador werden in diesen wenigen Worten den H. Dr. Camille Oüive, französischer Arzt dieser Stadt, erkennen. Sobald diese Krankheit ihm gemeldet war, richtete H. Dr. Ollive auf seine Kosten im Mellah eine Krankenstube und eine Apotheke ein, wo er unentgeltlich die Medicamente und ärztliche Behandlung ertheilt; nicht zufrieden, schon so viel gethan zu haben, besucht er auch alle Kranken ohne Unterschied, bringt ihnen die Hilfsmittel seiner Kunst und und steht ihnen selbst mit seiner unerschöpflichen Börse bei, oder begibt sich mehrere Mal des Tage? nach dem Mellah, das am äußersten Ende der Stadt liegt; selbst in der Nacht vergißt er der wohlverdienten Ruhe zu genießen, und geht noch in das Mellah; die Kranken, gestärkt durch den Besuch eines Arztes, der nur an sie denkt, beten zum Himmel um ihre Genesung mehr noch, um ihm eine neue Anstrengung zu ersparen, als für sich selbst. Von allen Seiten hört man, wenn man ins Mellah eintritt, die Segnungen und Wünsche, welche diese Unglücklichen an H. Dr. Ollive richten, der durch seine unerschöpfliche Barmherzigkeit und grenzenlose Hingebung ihnen kein anderes Mittel der Dankesbezeugung gelassen hat, als in ihren Gebeten Gott anzurufen, daß Er dem H. Dr. Ollive eine seines edlen Verhaltens würdige Belohnung gewähren wolle. Ich glaube dem Wunsche der ganzen israelitischen Gemeinde von Mogador gerecht zu werden, indem ich Ihnen hier die Dienste melde, welche die europäische Colonie und besonders Herrn Dr. Ollive derselben erwiesen hat. Feuilleton. Kabbi Joselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. XXVI. Rabbi Joselmann eilte zum Bürgermeister. „Herr Bürgermeister", reoete er diesen an, „was ich gesprochen, ich habe es ausgeführt. Der Jude Raphael ist bereit, Euch die Schuldscheine de- Junker Heinrich auszuliefern. Dagegen gebt Ihr ihm einen neuen Schuldschein auf nur 500 Gulden lautend, in fünf jährlichen Raten zu einhundert Gulden zu zahlen. Und nun bitte ich Euch, beraumt eine Sitzung an und laßt den langen Dieterich von Kestenholz vorführen, damit er sein fälschlich Zeugniß widerrufe." „„Und wenn die Juden freigelassen sind — wer bürgt mir dafür, daß Raphael nicht dennoch die ganze Forderung geltend macht?"" „Wenn das geschieht, so verpflichte ich mich die ganze Summe sofort aus meinen Mitteln zu bezahlen." „„Wollt Ihr mir das schriftlich geben?"" „Ich bin dazu bereit." Der Bürgermeister setzte eine Schrift auf, die Rabbi Joselmann unterschrieb. Dann ließ Herr Jakob Brand den Stadtknecht herbeirufen und befahl ihm, die Herren vom Rath auf das Rathhaus zu bescheiden. AlS Rabbi Joselmann in seine Wohnung zurückkehrte, wartete sein eine große, freudige lieberraschung. Sarah, sein Weib, war mit den Kindern von RoSheim angekommen. „„Du böser Mann"", sagte sie, „„wenn Du nicht zu unS kömmst, so müssen wir wohl zu Dir kommen! Hast Du denn gar keine Sehnsucht nach Weib und Kindern? Seit nach Peßach bist Du nun fort." „Gott weiß eS, herzgeliebtes Weib, wie sehr ich mich nach Euch gesehnt habe; allein, was sollte ich thun? Da mir Gott die Gnade und die Befähigung gegeben, für meine Brüder thätig zu sein, so müssen meine eigenen Angelegenheiten denen der Allgemeinheit nachstehen." Dann umarmte er das treue Weib und küßte die Kinder und freute sich ihres WachSthumS und prüfte die Knaben, ob sie Fortschritte gemacht in der Kenntniß der schriftlichen und der mündlichen Lehre. Und die Prüfung fiel sehr gut aus. Jakob, der älteste, wiewohl noch nicht dreizehn Jahre, war schon ein „rechter Lamdon", Moscheh, der elfjährige konnte schon „ein Blatt Gemora laienen" mit Raschi und Thoßaphot; mit freudigem Stolze holte der neunjährige Bezalel seine Bezoh-Gemor« herbei, die ihm die Mutter — nebst dem Raschi- Commentar — mit eigener Hand auf Pergament geschrieben, und zeigte, was er gelernt hatte; Chawa, das fünfjährige Töchterchen, wußte alle Segenssprüche auswendig herzusagen, sogar das

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