Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-01-15 · Heft 3 (15.1.1879) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 3 (15.1.1879)
Date
1879-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447801--15732-2471692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 werthen und bedeutsamen That folgte bald darauf die Anregung zur Gründung einer jüdisch - orthodoxen Mittelschule für Ungarn. — Der beschränkte Wirkungskreis der Volksschule macht es selbstverständlich selbst der sorgsamsten Leitung, selbst der gewissenhaftestenPflichterfüllung nicht möglich ist, das Erziehungswerk zu vollenden, sie kann eben, und das ihre Aufgabe, nur den Keim der Religiosität in das Herz des Kindes legen, die Reife für das Leben gibt sie nicht, vermag sie nicht zu geben. — Die wahrhaft jüdische Volkserziehung wird deshalb ihr Augenmerk dahin richten, daß das Kind, wenn es die jüdische Volksschule verläßt, auch ferner jüdischen Händen anvertraut sei, daß das begonnene Erziehungswerk fortgesetzt werde, und das jüdische Kind aus der jüdischen Schule in das Leben übertrete, mit sich führend nicht den bloßen Keim, sondern die möglichste Vollendung wahrhaft jüdischer Erziehung. — Und dieser erhabene Zweck schwebte unserem Herrn Oberrabbiner, vor, als er an die jRealisirung seiner Idee, anD die Gründung einer jüd. orth. Realschule gegangen; er wollte die Erfolge der jüdischorthodoxen Volksschule nicht illusorisch machen, die empfangenen Eindrücke sollten erweitert, die echt jüdisch religiöse Erziehung sollte für immer, sollte dauernd begründet werden. — Man muß die hier zu Lande herrschende vorgefaßte Meinung gegen das confessionelle Schulwesen kennen, will man die Schwierigkeiten auch nur annähernd ermessen, welche der Verwirklichung dieses jüdischen Vorhabens sich entgegenstellten. — Wollte man ja selbst an competentester Stelle die Lebensfähigkeit einer jüdisch-orthodoxen Realschule in Abrede stellen, konnte man die Idee oder vielleicht wollte man sie nicht erfassen, daß eine solche Anstalt unter den jetzigen Verhältnissen dem Staate als auch dem allgemeinen Judenthum zu Gute kommen könnte. Nur der unerschütterlichen Willenskraft unseres Herrn Oberrabbiners, nur seinem ernsten Fleiße und unablässigen Bestreben, feinem consequenten Beharren in dem einmal gefaßten Entschlüsse , seiner aufopfernden Hingebung an die Sache, seinen klaren offenen und unwiderlegbaren Auseinandersetzungen an höchster Stelle ist es zu danken, daß das hohe Cultusministerium der hochwichtigen Sache die Sanction verliehen, und daß die Institution, berufen, ihre segensreichen Wirkungen weithin zu verbreiten und die kommenden Generationen dem Judenthume treu und unverfälscht zu erhalten, nun Gottlob besteht. — Nicht unerwähnt können wir es lassen, daß wie noch jedem größeren Unternehmen, auch unserem Institute gegenüber der Neid seine Rechte?? geltend machte und in scheelsüchtigen Worten und Thaten sich äußerte. Man hat es an gegnerischer Stelle nicht gescheut. diesem gemeinnützigen Unternehmen mit allen möglichst schändlichen Mitteln entgegenzuarbeiten und die Ursache dieses Unternehmens auf ein fremdes Gebiet zu spielen, unserem verehrten Herrn Oberrabbiner den ruhmreichen Erfolg nicht vergönnend, den er doch nicht für sich, sondern für das allgemeine jüdische Wohl angestrebt und errungen hat. - Am 15. September ward die Anstalt feierlich eröffnet. Die erste Classe, mit deren Creirung die Anstalt begonnen, zählt 49 Schüler (mehr als 50 dürfen gesetzlich in eine Classe nicht ausgenommen werden) und hat sowohl für die hebr. Gegenstände als für die sogenannten Realien die bewährtesten und anerkanntesten Fachmänner. — Die Talmudlernenden sind je nach ihren Vorkenntnissen in eine Ober- und Unterclasse getheilt, erstere haben Herrn H. Ekstein, letztere Herrn M. Gestetner als Talmudlehrer; Herr H. Ekstein lehrt außerdem Mischna, Pentateuch und hebräische Grammatik; der Herr Oberrabbiner lehrt Proverbia. — Klassenoorstand ist Herr Professor I. Csemes, derselbe hat das linguistische und mathematische Fach , außerdem Geographie und vaterländische Geschichte; Herr Professor K. Vikar lehrt Naturgeschichte, Herr H. Schor das geometrische Zeichnen und Schönschreiben. — Der vom hohen Ministerium bestätigte Lehrplan und die Lehrmittelsammlung zeugen, daß Alles aufgeboten wird, daß die Anstalt dem hohen Ziele und den an sie gestellten Anforderungen entspreche und eine Pflanzstätte religiösen und praktischen Wissens werde, wo Herz und Gemüth nicht minder als Geist die nöthige, ja gleiche Nahrung finden sollen. — Wa» unser Herr Oberrabbiner mit dieser seiner Schöpfung Vortreffliches geleistet, kömmt natürlich in erster Linie unserer Gemeinde, in zweiter Linie der vaterländischen Judenheit zu Gute, dürfte aber auch im Auslande Sympathien und Anerkennung finden. — Seine Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Beharrlichkeit und Arbeitsamkeit im Interesse der guten Sache fanden auch ihre Anerkennung in der Seitens der Gemeinde erfolgten und vom hohen Ministerium bedingungslos bestätigten Wahl zum Direktor der creirten Anstalt. — Eine bessere Gewähr für ihre Lebensfähigkeit, für die Durchführung des Programmes konnte aber nicht geboten werden. Möge das Institut gedeihen im Sinne und nach dem Willen seines wackeren Directors zum geistigen Wohle und Heile des orthodoxen Judenthums! Veritas.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.