Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1879)
- Date
- 1879-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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51 Stolgebühren einem christlichen Wucherer verkaufte, welcher die Schuldner nachher auspfänden ließ, der überhaupt mit diesem Wucherer in geschäftlicher Verbindung stand? Entwickelt sich da nicht ein entsetzliches Bild von den Leidenschaften und Gebrechen, die das Oberland in ihren Krallen halten? Ich könnte noch gar viel über diese nichtjüdischen Krallen sagen, doch ich will jetzt kein Ankläger sein. Wenn man die Juden des Oberlandes kennt, so muß man wissen, daß der Wucher nur von sehr Wenigen getrieben wird, daß diese Wenigen vorzugsweise einem Orte angehören, daß die große Majorität der Uebrigen aber, die aus Geschäftsleuten, Handwerkern und Beamten besteht. tief betrübt ist über die Schmach, die von ihren eigenen Glaubensgenossen verübt wird. Man wird dann wissen. daß die Israeliten des Oberlandes, wie der sel. „Geheime Justizrath Zwez „sie schilderte, fleißige, mäßige, ehrliche Leute sind, ,,die hinter ihren Mitbürgern in allem Streben „für das öffentliche Wohl nicht zurückstehen, dann „wird man wissen, daß der Geheime Justizrath „Bollert gewiß berechtigt war, in der Synagoge „zu Lengsfeld bei der Einführung des neuen Land- „rabbiners die Israeliten wegen ihrer patriotsichen „Haltung zu loben", dann wird man wissen, daß das Vertrauen der Bürger den Israeliten in der deutlichsten Weise sich kundgibt, indem ihnen die wichtigsten Aemter seit Jahrzehnten mit übertragen sind. Dann wird man wissen, daß Lengsfeld einem Juden, dem "sel. Spiro, einem Freunde des sel, Zwez, eine Stiftung verdankt, aus welcher vorwiegend bisher christliche Knaben und Mädchen, die sich einem Handwerke, oder einer Wissenschaft, oder einer Kunst widmeten, in reichlichem Maaße unterstützt wurden. Dann wird man wissen, daß heute noch eine Reihe von Israeliten, die in andere Städte und Länder gewandert sind, alljährlich Gelder zur Vertheilung an christliche Arme in ihre früheren Heimathsorte senden. Gerade den Lengsfelder Israeliten ist von Seiten der Bürgerschaft das beste Zeugniß dadurch ausgestellt worden, „daß über 25 Jahre eine Simultanschule beide Confessionen einigt", daß seit Jahrzehnten Israeliten im Gemeinderath sitzen und wiederholt öffentliche Ehrenämter erhielten, daß der rührige Bürgermeister Lengsfelds in vielen amtlichen Schriften, sowie öffentlichen Aeußerungen gerade den Weggang vieler Israeliten Lengsfelds als einen Nothstand des OrteS bezeichnete, und deren früheres Wirken als eine Wohlthat des Ortes rühmte. Selbst der Vorsitzende des Lengsfelder Vorschußvereins gab der Wahrheit die Ehre und erklärte öffentlich zu Protokoll, „daß man im Lengsfelder Amte wucherische Geschäftsleute nicht habe." Und die Lengsfelder Israeliten haben mit dem Dermbacher Justizamte auch zu thun und darum ist daS „Gutachten des Dermbacher Justizamtes thatsächlich nicht begründet." Das Gutachten des Rechtsanwalts Stapff hebt hervor, daß die Weimarischen Judengesetze keine Wirkung gehabt hätten, indem nach wie vor jeder Jude des Oberlandes Handelsmann oder Schmußer wurde und wenn er auch ein Handwerk erlernt hatte. dasselbe nach kurzem Betriebe wieder ausgab. Wenn auch der mächtige beherrschende Geist unserer geläuterten Zeit den Referenten des Bezirksausschusses veranlaßte, die Ungerechtigkeit jener Gesetze anzuerkennen, so läßt sich dennoch die angeführte Behauptung über die Erwerbs-Neigung der Juden des Oberlandes thatsächlich nicht aufrecht erhalten. Sie hat wohl ihren Ursprung in dem Gesichtskreise, aus dem die Beobachtungen des Referenten flössen. Ihm schwebten die Israeliten Aschenhausens und Kaltennordheims vor; aber selbst diese sind nicht genau geschildert und gekennzeichnet. Die Juden des Oberlandes sind nicht nur Handelsleute oder Schmußer; wofür der zeitgemäße Ausdruck „Makler" zu brauchen gewesen wäre; sie treiben noch jetzt Handwerke; es gibt unter ihnen Schuhmacher, Schneider, Weber, Metzger, Gerber. Schlosser u. s. w. Einige von ihnen haben sich der Wissenschaft gewidmet und find Aerzte, Rechtsanwälte, Zeitungsredacteure, Schriftsteller u. s. w. geworden. Fast alle Israeliten, deren Mittel es nur irgend erlauben, lassen ihre Kinder höhere Unterrichtsanstalten besuchen und verlassen theilweise die kleinen Orte nicht nur ihrer Existenz, sondern ihrer Kinder halber. Die so geringschätzig nach einem veralteten Ausdruck, dem man die Ghettozeit anmerkt, als Schmußer bezeichneten Makler, die meist in Aschenhausen ihre Heimath haben, halten hinsichtlich ihrer Intelligenz und moralischen Bildung mit den christlichen Mitbürgern ihres Ortes jeden Vergleich aus; ihnen verdankt zum großen Theile das arme Dorf Aschenhausen eine zweiklassige Simultanschule, deren Erhaltung ihnen heute noch Opfer abverlangt. Diese „Schmußer" sind Muster der Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Häuslichkeit und Wohlthätigkeit; von ihnen zumeist lebt die arme Bevölkerung Aschenhausens und selbst ihre zum gerichtlichen Streite geneigte Empfindlichkeit ist nur ein Zeichen ihres lebhaften Ehrgefühls. Ohne ihre Handelsthätigkeit würde Aschenhausen noch mehr verarmen; ihre Steuerkraft, die ganz gewissenhaft eingeschätzt wird, kann Aschenhausen nicht entbehren. Juden des Oberlandes waren eS, welche zu einer Zeit, als eS gesetzlich gestattet war, den Arbeiter mit Waaren abzufinden, die