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Der Israelit · 1879-01-15 · Heft 3 (15.1.1879) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 3 (15.1.1879)
Date
1879-01-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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50 zins mehr als 5 % versteht, dann muß man die Vorschußvereine, die Banken u. s. w. mit zu den Wucherern zählen. Man wird fick auch noch erinnern, welches Bild hochadeliger christlicher Betrügereien und Ausbeutungen des deutschen Volkes der deutsche Reichstag selbst vor sich entrollen sah und als wahr bezeichnen mußte. ES gibt aber auch Christen, die im Oberlande Besitzer großer Güter durch Wucher ruinirt haben. Wenn aber Christen auch wuchern und christlicher Wucher ebenso scheußlich ist wie jüdischer Wucher, warum hebt man den der Juden hervor und erweckt damit den Glauben, als gäbe es im Oberland keine Christen, die wucherten? Und wenn eS gar mehr Juden als Christen leider wären, die Wucher im Oberlanke trieben, verdienten die wenigen christlichen Wu^erer nicht dieselbe moralische Verachtung? Sollen die Christen so wenig Liebe für ihre Glaubensgenossen haben, daß ihnen deren Sünden weniger rügcnSwerth erscheinen? Wen man liebt, den erzient man streng. Was hat der Wucher überhaupt mit der Religionsgemeinschaft zu thun, der der Wucherer angehört, waS der Wucher mit dem Judenthume, daß man auf den Juden am Wucherer mehr Nachdruck legt, als auf den Wucherer am Juden? Man kann von dem gebildeten Geiste unserer Behörde sicher vori»uSsetzen, daß sie nicht vergessen hat, wie die Christenheit Jahrhunderte lang den Inden jedes ehrliche Geschäft verbot und ihnen von Staats¬ und Rechtswegen das Wuchern auferlegte, um die durch Kriege üets leeren Staatskasseu immer neu zu füllen. Die Israeliten find ehemals ein vorzüglich ackerbau- und gewerbetreibendes und religiöse Ideale pflegendes Volk gewesen. Als sie durch feindliche Gewalt aus ihrer Urheimath vertrieben und besonders durch die christlichen Völker auf das Grausamste verfolgt wurden, zwang man sie den Ackerbau aufzugeben, indem man ihnen den Erwerb von Grund und Boden verbot, zwang man sie das Handwerk zu meiden, da man ihnen solches verbot, zwang man sie endlich Handelsleute und zwar Wucherer zu werden. Die Christen haben das entsetzliche Unrecht begangen, ein ganzes Volk durch Jahrhunderte lange Qualen zu der unwürdigsten Lebensweise herabzustürzen, damit es nur das Leben fristen könne. Wenn dadurch endlich eine Gewohnheit sich entwickelt hat, die so abscheulich ist, wie man sie haben wollte, wenn der Jude mehr Neigung zum Geschäfte als zum Handwerke hat, wer ist daran anders Schuld, als die christliche Welt, die den Juden dazu erzog? Kann man sich verwundern, daß nach der kurzen Spanne freien Aufathmens, die man den Juden nunmehr gegönnt hat,? noch immer sich welche unter ihnen finden, die gegen die Verordnung ihrer Religion das elendeste aller Handwerke weiter treiben? Warum vergißt man, wie die Juden das ganze Mittelalter hindurch die Träger der Wissenschaft gewesen sind, daß sie seit ihrer Emancipation auf jedem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, des Gewerbes und der Industrie sich zu der gleichen Höhe ihrer Mitbürger erhoben haben und in vielen Dingen, wie sie eS in Religion gewesen, ihre Lehrmeister geworden sind? „Die jüdische Religion lehrt die Gebote der rein- „sten Nächstenliebe, schreibt vor, keinen zu bedrücken, sei er Jude oder Christ oder Heide, sie „hält es für ein Verbrechen, den Namen Gottes, „des Vaters aller Menschen, durch eine ruchlose „That, gleichgültig an wem sie verübt ist, zu ent- „weihen, sie lehrt, daß die Frommen aller Völker, „auch wenn sie nicht Juden sind, gleichen Antheil „an der ewigen Seligkeit haben, wie die frömm- „sten Juden. Das Judenthum verurtheilt nicht „nur das Wuchern, sondern auch das Zinsnehmen, „auch das ZinSgeben. Das Judenthum erklärt den „Advokaten, der einem ZinSgeschäfte feine Hilfe „leiht, den Bürgen, den Zeugen, den Schreiber „für gleich schuldig." Dieses ist zu beherzigen bei einem Uriheil über Juden und Judenthum, und ist die Behauptung, daß die Juden eine tiefeingewurzelte Neigung zum Handel hätten und daß die Juden des Oberlandes eine sociale Gefahr find, nicht begründet; denn es ist nicht wahr, daß die Juden im Oberlande ihrer Majorität nach so leben, daß sie dem Oberlande die einzige oder wenigstens die größte oder überhaupt eine Gefahr seien. Die Christen, welche den Wucherern in die Hände fallen. welche für eine Mark Capital eine halbe wöchentlich Provision oder Conventionalgeld zahlen, das sind Menschen, die gewissenlos gegen sich und ihre Familie handeln, leichtsinnige, zum Betrüge geneigte Menschen, die jeglichen Credit bei anständigen Leute durch ihre Unsolidität verloren haben. Dte Advokaten, welche für den Wucherer Klagen annehmen und sie gegen gute Bezahlung vor Gericht führen, trotzdem ihnen ihr Gewissen sagen muß, daß sie Scharfrichter werden, welche im Solde herzloser Menschenmörder stehen, diese Advokaten, welchen Namen verdienen sie? Ein Vorschußverein, welcher Wucherer genau kennt, und ihnen trotzdem Capitalien leiht, die sie wieder wucherisch verwerthen, so daß erst die Mahnung eines jüdischen Mitgliedes vor solcher Unterstüzzung des Wuchers warnen muß, was verdient er für einen Namen? Was sollte man von einem christlichen Pfarrer des Oberlandes sagen, der nach glaubwürdigem Berichte die ihm schuldigen

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