Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1879)
- Date
- 1879-01-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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32 sich nicht eine allgemeine Judenverfolgung im ganzen Elsaß daraus entwickelt? Also, willigt ein! Gebt die Schuldverschreibungen heraus!" „„Ich kann'- nicht, ich thu'S nicht; mag daran« werden, was da will!"" „Ich will Euch eineu andern Vorschlag wachen: Ihr verzichtet auf die Hälfte und die andern fünfhundert Gulden zahlt Euch der Bürgermeister in fünf Jahren, jedes Jahr einhundert Gulden.* „„Die Hälfte will ich erlassen; aber die andern fünfhundert Gulden muß ich gleich haben; denn ich muß doch Geld haben , um wieder Geschäfte machen zu können."" „Der Bürgermeister kann im Augenblicke gar nichts zahlen." „ „ So will ich lieber sterben. Dann hat die Qual auf einmal ein Ende; mein Tod sühnt alle meine Vergehen, und ich gehe sofort ein in das ewige Leben; dann flehe ich an Gottes Thron, daß Er meine Frau und Kinder nicht verlasse, und dann ist Alles gut."" „Ich muß Euch widersprechen, Raphael. Wenn Ihr die Schuld auf Euch ladet, den Tod Eurer Mitgefangenen und die sonstigen schrecklichen Dinge, die sich wahrscheinlich in Folge Eurer Hinrichtung ereignen werden, verursacht zu haben, so geht Ihr nicht ein zum ewigen Leben, sondern zu den Qualen der Hölle; darum rathe ich Euct,: Wählet das Leben für diese und für jene Welt und nehmet meinen Vorschlag an." „„Um mit Weib und Kindern betteln zu gehen?"" „Ist denn daetwa« so Schreckliches, daß Ihr eher dieses und jenes Leben opfert?" „„Ist e« etwa nicht schrecklich?"" „Hört, Raphael, Gott ist weise und gerecht. Was sein Rathschluß über uns Menschen verhängt, ist immer gut. Ich will Euch eine Geschichte erzählen. Habt Ihr schon gehört von Rabbi Jehudah ha Chaßid?" „„ Gewiß." " „Der Vater desselben hieß Rabbi Samuel ha Chaßid; er war Rabbiner in RegenSburg. Da war ein Gerufch*), Rabbi Samuel verlor all das Seinige und mußte als Bettler im Lande umherziehen. Er kam nach Cölrr; zwei dortige Baale Bariim**) mochten eine CoÜecte für den Frommen. *) Judenvertreibung. **) Familienväter. Ueberall erhielte« sie reichlich; ein begüterter Mann aber gab zankend und keifend drei Heller, welche die Collectirenden liegen ließen. Als sie das Resultat ihrer Sammlung ablieferten, erzählten sie auch von den drei Hellern, die sie zurückgewiesen hatten. Da sagte der Fromme: Meine lieben Freunde, da Gott einmal über Samuel verhängt hat, daß er das bittere Brod der Almosen essen soll, so kann er auch nicht auf die drei Heller verzichten, die vielleicht Jenem bei Gott als Verdienst ongerechnet werden." Die Männer gingen zum zweiten Male zu dem Geizhälse, der sie mit Schimpfworten empfing. Als er aber vernahm, wie gottergeben der Fromme sich geäußert, da überkam ihm die Reue; er bat den frommen Rabbi Samuel um Verzeihung und versorgte ihn mit Allem, was er brauchte. — Und ich erkläre aus dieser Geschichte heraus einen VerS der heiligen Schrift. ES heißt in den Psalmen: „Ich bin jung gewesen und bin alt geworden und habe nicht gesehen einen Frommen verlassen und seine Nachkommen Brod suchen." Dem scheint die Erfahrung zu widersprechen. Deßhalb muß man es anders erklären: Wefarau mewakesch lochem, heißt nicht „und seine Nachkommen", sondern eS heißt: „sogar wenn feine Nachkommen ihr Brodan den Thüren suchen müssen. Selbst daun ist der Fromme nicht verlassen, wenn er sehen muß, wie seine Kinder ihr Brod an den Thüren erbetteln müssen, denn er ist ergeben in Gottes Rathschlüsse und bei Allem, was ihn betrifft, spricht er: Siehe, eS kommt auS meines Vaters Hand, es ist zu meinem Besten, zu meinem Heile! „„Ihr seid ein heiliger Mann, Rabbi Joselmann! Gott segne Euch! Ich werde die Schuldbriefe herausgeben. Laßt sie Euch geben von meinem Weibe und händigt sie dem Bürgermeister aus. Macht mit ihm ab, wie es Euch gutdünkt."" „Gott segne auch Euch; ich werde suchen. Euch soviel als möglich zu retten. Und sollte der Bürgermeister für jetzt nichts geben können, so werde ich mit einigen Freunden ein kleines Capital zusammenschießen, und es Euch, natürlich ohne Zinsen, borgen, damit Ihr Eure Geschäfte aufS Neue beginnt." (Fortsetzung folgt.) Hier-« zwei Beilage«. BerarUwortliche Redaction: Pr. Lehman». — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandluug. I. GottS.leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).