Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-01-08 · Heft 2 (8.1.1879) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 2 (8.1.1879)
Date
1879-01-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447800--15709-2471668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

31 sitzung von ihm aufgehoben worden. Die Angeklagten wurden abgeführt, Raphael von Oberu- Ehnheim in ein besonderes Gelaß. Hier besuchte ihn Rabbi Joselmann. Der Unglückliche lag auf dem Stroh in einem Zustande schrecklicher Erschöpfung. Die Willenskraft, die ihn aufrecht gehalten hatte, die furchtbaren Qualen der Tortur ohne einen SchmerzenSlaut zu ertragen, hatte ihn nunmehr verlassen. Als er Rabbi Joselmann erblickte, rief er: „..Ach, was habe ich Unrechtes gethan, daß mich Gott so furchtbar leiden läßt!"" „Ihr habt das schon einmal gesagt, mein Freund." entgegnete der Besucher, „und ich habe es Euch bereits einmal verwiesen. Wenn Ihr über Euer Thun und Lassen nachdenkt, so werdet Ihr schon Gründe finden, warum der Allgerechte Euch diese Leiden zusendet." „„Ich habe aber schon nachgedacht und nichts gefunden."" „Unsre Weisen sagen: Wem etwas Unangenehmes sich ereignet, der soll seine Thaten über-, denken, damit er feine Fehler erkenne und sie unterlasse. Hat er aber überdacht und nichts gefunden, so soll er sich überzeugt halten, daß er nicht genug von Gottes heiliger Lehre weiß, um seine eigenen Thaten richtig beurtheilen zu können. In diesem Falle befindet Ihr Euch, Raphael. Ihr habt nicht genug „gelernt". Ich will Eurem Gedächtnisse und Eurem Urtheile zu Hilfe kommen. Erinnert Ihr Euch noch des kleinen Leser von Mittel-Bergheim?" Raphael schwieg. „Er war, als die Juden aus Mittel-Bergheim vertrieben wurden, mit Weib und Kindern nach Obern-Ehenheiw gekommen. Die Rathsherren waren ihm gewogen und wollten ihm gestatten, hier zu bleiben. ES war am Erew Jom Kippur, da der Unglückliche hier ankam. Ihr erfuhrt davon am heiligen Versöhnungstage, während des „Laienens"*). Da verließet Ihr die Synagoge und liefet zum Bürgermeister; denn Ihr fürchtetet, daß der kleine Leser von Mittel-Bergheim Euch Concurrenz machen würde. Am Tage nach Jom Kippur führte der Stadtknecht ihn, seine Frau und seine drei kleinen Kinder zum Thore hinaus. Das kleinste Kind war krank und starb auf der Landstraße." ,,„Q Gott!"" „„Fasset Muth, Raphael! Ich bin nicht gekommen zu Euren Schmerzen noch neue hinzuzufügen; ich will Euch vielmehr die frohe Botschaft *) Vorlesung aus der Thora. bringen, daß der lange Dietrich sein falsches Zeugniß widerrufen wird." „„So werde« wir freikommen?"" „Das hängt von Euch ab." „„Bon mir?"" „Des Bürgermeisters Sohn, Junker Heinrich, schuldet Euch tausend Gulden. Wenn Ihr dem Bürgermeister die Schuldscheine gebt und auf die Bezahlung verzichtet . . . ." „„Dann bin ich ein Bettler! Nein, lieber will ich sterben."" „Wie wahr sind doch die Worte unsrer Weisen! Es heißt in der heiligen Schrift: Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele — sogar wenn Er die Seele nimmt — und mit allem Deinem Vermögen. Und nun fragen die Weifen: Wozu braucht das Letztere gesagt zu werden? Wenn Jemand bereit ist, sein Leben für Gott hiuzugeben, so wird er noch viel eher bereit sein, sein Vermögen zu opfern! Allein — sagen sie — eS gibt Menschen, denen ihr Geld lieber ist als ihr Leben. — Es scheint, Ihr gehört zu diese» Mensche», Raphael!" „„Und habe ich nicht Recht. Rabbi Joselmann? WaS soll der Jude anfangen, wenn er kein Geld hat? Womit soll ich mein Brod verdienen für mich und meine Kinder, wenn ich nichts habe, um es auf Zinsen auszuleihen? Welcher Erwerb ist dem Juden denn gestattet außer dem Haufirhandel und dem Geldausleihen? ZumHausiren bin ich zu schwach; ich kann nicht inS Gebirg wandern mit einem schweren Packen, kann nicht mit der schweren Last emporsteigen, um die entlegenen Bauerngehöfte aufzusuchen, hier ein Band, dort eine Schürze zu verkaufen; ich habe es nicht gekonnt, da ich noch gesund war; jetzt, da die Folter mir die Gliedmaßen zerquetscht hat, kann ich'S gewiß nicht. Was soll ich also beginnen, wenn ich mein Geld verliere? Soll ich betteln gehen mit Weib und Kindern? Nein, lieber sterben!"" „Und habt Ihr kein Vertrauen zu Gott, dem Allmächtigen, dem tausend und aber tausend Mittel zu Gebote stehen, zu helfen mit viel oder mit wenig? Hört, Raphael, der Bürgermeister weigert sich, den Widerruf des langen Dieterich zu acceptiren; er will, daß Ihr de» Scheiterhaufen besteigt — dann braucht er Euch nichts zu bezahlen. Ihr seht, Euer Geld ist dann doch verloren, nicht allein Euch, sondern auch Euren Kiudern. Ihr opfert dann uunütz Euer Leben und das Eurer Mitgefangenen. Und wer weiß, ob

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.