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Der Israelit · 1879-01-02 · Heft 1 (2.1.1879) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 1 (2.1.1879)
Date
1879-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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11 „Aber bester Herr Lindner, das werden Sie mir doch nicht anthun? wir haben Ihnen doch im vorigen Jahr Ihren Bedarf geliefert und ich denke, Sie sind mit uns zufrieden gewesen." „Ganz zufrieden bin ich gewesen, das will ich durchaus nicht in Abrede stellen. Aber," fuhr er etwas unmuthig fort, indem er mit seiner vollen Hand die glänzende Stirn sich rieb, „Sie wissen's ja selbst, wie zudringlich die Geschäftsreisenden, namentlich die Weinreisenden zuweilen sind. Kommt da vergangene Woche einer von dem Hause G.... in W-... und läßt mir nicht eher Ruhe, bis ich bei ihm meinen Bedarf bestellte." „Doll der Teufel den Zudringlichen holen!" rief Grünefeld. „Aber err Lindner, so wie Sie von uns bedient werden, so werden Sie's von G.... nicht." „Nun, nunnun, das wollen wir noch dahin gestellt sein lassen. Der Wein von G.... ist so gut wie der von Ihnen, und was den Preis betrifft, so ist er noch um eine Kleinigkeit geringer, als den Sie mir gemacht haben." „Ich gebe ihn Ihnen um denselben Preis wie G...." „Das glaube ich gern." „Also Herr Lindner wie viel Eimer soll ich notiren?" fragte Grünfeld, indem er sein Portefeuille aus der Brusttasche zog. „Gar keinen", erwiederte Lindner verdrießlich; „ich habe Ihnen wiederholt gesagt, daß ich für dieses Mal meinen Bedarf bereits bestellt habe." „Was? Das Ganze wollen Sie von G... nehmen? Nein, Herr Lindner, daran können Sie doch nicht denken. Also, wenn der Aufdringliche Sie nun einmal dazu gedrängt hat, so lassen Sie uns die Sache halbiren, das vorige Mal haben Sie acht Eimer bestellt, sagen wir dieses Mal vier." „Gar keinen", rief Lindner mit ausbrechendem Aerger; „ich habe meinen Bedarf bestellt und somit basta!" „So knmmen Sie mir nicht los, Herr Lindner", rief Grünfeld lachend; „Sie haben's ja selbst gesagt, daß die Weinreisenden zudringlich sind; also wenn's sein muß, werde ich auch zudringlich sein. Vier Eimer, Herr Lindner, dabei bleibt's." „Nicht vier Maaß." „Nun, so sagen wir meinethalben drei Eimer", entgegnete Grünfeld, indem er einige Worte in sein Notizbuch schrieb, es wieder in die Tasche schob und dann aufsland. „Also drei Eimer werde ich Ihnen schicken, Herr Lindner." „Ich werde sie nicht annehmen", rief der Wirth erregt; „ich habe nichts bei Ihnen bestellt." „Werden's schon annehmen", lachte der Weinreisende, „ich habe 's für Sie notirt. Allerseits ergebener Diener, meine Herren!" Er nahm seinen Hut, verneigte sich nach allen Seiten und rannte davon. „Zudringliches Gesindel", murrte Lindner, indem er sich zu den Gästen setzte, die Zeugen seiner Unterhaltung mit Grünfeld gewesen. „Ich glaube, Sie sind den Menschen noch nicht los", gemerkte einer der Anwesenden; „der ist im Stande und schickt Ihnen den Wein." „Und ich bin im Stande und schicke ihn ihm zurück, so wahr ich Johann Lindner heiße! Was? das wäre doch zu arg, wenn man sich zwingen lassen sollte, Waaren zu nehmen, die man nicht gebraucht." „Ein gelungener Kerl, dieser Grünefeld", rief ein Anderer der Gäste, „wie er den Reisenden, bei dem Sie den Wein bestellt haben, zudringlich und aufdringlich nennt!" So unterhielt sich Lindner noch eine Zeit lang mit seinen Gästen über die Zudringlichkeit der Geschäftsreisenden. Einige Wochen waren verstrichen, als Lindner eines Tages avifirt wurde, daß von dem Hause B.... in G.... unter seiner Adresse drei Eimer Wein angelangt seien, die er am Bahnhof in Empfang nehmen möge. Im höchsten Grade erregt über diese Pression, wie er es nannte, erklärte der sonst gutmüthige Mann, daß er die Sendung, die er nicht bestellt habe, auch nicht annehmen werde. Es kam zum Processe. Das Haus in Q.... verklagte den Gastwirth Lindner in P...., da er die von ihm bestellte Sendung anzunehmen und demgemäß auch zu zahlen sich weigere. Lindner erklärte, die Sendung nicht bestellt'zu haben. Dem Hause B.... und in Folge dessen, dem Vermittler des erwähnten Geschäftes, dem Reisenden Grünefeld, ward der Eid zuerkannt. Grünfeld, der Jahr aus Jahr ein unterwegs war und Hunderte von Geschäften für sein HauS abschloß, hatte an sein Gespräch mit Lindner längst vergessen; er sah in sein Buch, fand drei Eimer Wein, als von Lindner bestellt, notirt und nahm darauf keinen Anstand, eidlich zu versichern, der Gaftwirth in P.... habe allerdings, den Wein bei ihm bestellt. Dieser Eid gab den Ausschlag; Lindner ward verurtheilt, sowohl zur Bezahlung des Weines als auch der Proceßkosten. Im höchsten Grad erbittert, weit mehr über das Unrecht, das ihm hiedurch widerfahren, als über den Schaden, den der wohlhabende und durchaus nicht am Gelde hängende Mann leicht hätte verschmerzen können, beklagte er sich bei seinen

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