Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1879)
- Date
- 1879-01-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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12 Gästen. Der Zufall wollte, daß unter diesen einige sich befanden, die auch damals anwesend gewesen, als Grünefeld dem Lindner den Wein angetragen, und dieser denselben refüsirt hatte. Unaufgefordert erboten sich diese dem Freunde als Zeugen, und Lindner Nagte den Weinreisenden des Meineids an. ES war ein rauher, unfreundlicher Novemberabend , heulend fuhr der scharfe Nordwind durch die schneebedeckten Straßen, hier eine schlecht geschlossene HauSthür zuschleudernd, dort Jalousieen oder Fensterflügel. DaS Unwetter hatte sonst belebte Straßen jetzt verödet; wer es irgend konnte, hielt sich daheim in seinen vier Pfählen, denn es erforderte in Wirklichkeit Anstrengung, dem orcanartigen Sturme Trotz zu bieten. So erging es auch jenem einsamen Wanderer, der dem Sturme entgegen der Nordseite der Stadt zuschritt. Den Filzhut tief in die Stirn gedrückt, den Kragen seines Ueberrockes möglichst hinauf über die Ohren gezogen, schritt er langsam einher. War es das Toben der Elemente, das dem rüstigen Manne das raschere Porwärtsschreiten verwehrte? — Sein Blick war in die Ferne gerichtet. ruhte unverwandt auf die erhellten Fenster des letzten Hauses der lang sich dahin ziehenden Straße. Doch seltsam, das erwähnte Häuschen schien wohl das Ziel seiner Wanderung, doch trotz des Unwetters verdoppelte er seine Schritte nicht, je näher er kam; im Gegentheil langsamer ward sein Schritt, als fürchtete er das Ziel zu erreichen. Eilen wir ihm voraus zu dem traulich in die düstere Nacht blinkenden Heim. Es war in der That ein traulich freundliches Heim, das des späten Wanderers harrte. Das einfach aber freundlich und behaglich eingerichtete Zimmer nicht uur von dem milden Licht der Astralampe, sondern auch von dem Schein des prasselnden Feuers im Ofen traulich erhellt und erwärmt bot den angenehmsten Contrast zu dem tobenden Unwetter draußen. Der brodelnde Theekessel in der Ofenröhre schien die Behaglichkeit des Raumes noch zu erhöhen. An dem Arbeitstischchen in der Nähe des Ofens saß eine zarte, anmuthige junge Frau von kaum zwanzig Jahren. Hurtig glitt ihre blinkende Nadel durch die'rasch der Vollendung zuschreitende Arbeit. Von Zeit zu Zeit hielt sie inne mit glücklichem Lächeln und, man könnte fast sagen, liebevollen Blicken die Stickerei betrachtend. Es war ein winzig kleines Jäckchen, wie für eine große Puppe oder — für ein neugeborenes Kind. Die Pendule dem Ofen gegenüber verkündete die Stunde. Die junge Frau blickte auf. „Neun Uhr"', flüsterte sie, „wo mag nur Jakob so lange weilen?" Sie erhob sich, trat zum Ofen, schob noch einen Löffel voll Kohlen in die Gluth und begann dann den Theetisch zu ordnen. „Er wird halb verfroren und hungrig sein", sprach sie halblaut vor sich hin; wenn er nur erst daheim wäre — bei diesem Wetter —" Sie hatte den Satz noch nicht vollendet, als sie die Hausthüre öffnen hörte. „Da wird er sein! rief sie freudig, zündete rasch eine Kerze an und eilte dem io sehnlich Erwarteten entgegen. Mit freundlichem Willkommengruß wollte sie ihm helfen, der schneebedeckten Oberkleider sich entledigen, doch er wehrte ihr und hängte selbst den schweren Oberrock an den Haken vor der Zimmerthür; dann traten beide in das Zimmer. Mit liebervoller Sorge schaute die junge Frau auf den noch immer schweigenden Gatten. „Was ist Dir Jakob? Du bist verstimmt — und so bleich — komm', setze Dich in den Lehnsessel zum Ofen." Schweigend folgt er ihrer Aufforderung, und ihre Unrhe steigert sich. „Jakob" wiederholt sie flehend, „willst Du mir nicht sagen, was Dir ist? — was habe ich Dir gethan, daß Du mir nicht antwortest?' Er schlingt seinen Arm um sie und zieht sie näher an sich, fest an seine Brust — sie hört das wilde Klopfen seines Herzens, aber über seine Lippen dringt kein Laut. — Von banger Ahnung erfaßt, senkt sich ihr Haupt auf seine Schulter und Thränen entstürzen ihren Augen. „Dir ist ein Unglück widerfahren Jakob — und mir willst Du's verschweigen?" „Nein", erwiedert er endlich mit gepreßter, heiserer Stimme, „nein, ich kann Dir es nicht verschweigen." „Was ist geschehen? — so sprich doch, sprich —" Aber es wird ihm schwer, unendlich schwer — der Athem scheint ihm zu versagen, er macht sich los aus ihren ihn umschlingenden Armen und durchmißt erregten Schrittes' das trauliche Gemach. Angstvoll folgt ihm ihr Blick; doch sie wartet nun schweigend, daß er reden werde — und endlich scheint er auch dazu entschlossen. Wieder tritt er zu ihr und schlingt den Arm um sie. Bertha — ich muß abreisen — noch heute." „Abreisen!" ruft sie voll Schrecken, „Du versprachst, diesen ganzen Monat daheim zu bleiben