Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1879)
- Date
- 1879-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Charakter dieses Weisen zöge, oder wenn man umgekehrt aus einem bestimmten persönlichen Charakterzuge auf Beweggründe und Motive schlösse, die einer gesetzlichen Bestimmung zu Grunde liegen sollten. Wie verkehrt und wahrheitswidrig eine solche Behandlung der jüdischen Geschichte ist, zeigt kein Beispiel deutlicher, als eben dasjenige von Hillel und Schamai. — Von beiden sind uns sowohl Gesetzesbestimmungen und auch Züge mitgetheilt, welche die Verschiedenheit ihres Charakters constatiren. Aber trotz dieser Charakterverschiedenheit differiren Schamai und Hillel nur in 3, sage drei Fällen, von denen Hillel sogar zwei in erschwerendem, SchamaiZin erleichterndem Sinne entscheidet. — Gerade diese Verschiedenheit des Charakters 'und die gleichzeitige Einhelligkeit der Lehre, stellen dir Objektivität unserer Gesetzeslehrer so über allem Zweifel erhaben hin, daß sie absolut keine Folie für die Mache bieten, welche man Reformjudenthum nennt. Standen doch beide auf einem und demselben granitnen Boden des göttlichen Gesetzes, dessen bindende Kraft der eine wie der andere voll und ganz anerkannte, während das Reformjudenthum unserer Tage die heiligsten Heiligthümer des Judenthums verlacht als veralteten Trödelkram behandelt; -cn na pnb na. Was hat das Stroh mit dem Korn gemein? möchten wir mit dem Propheten fragen. Wenn daher die Charakterverschiedenheit Hillel's und Schawmai's keine Differenz ihrer Lehre zu Folge hatte, so ist es geradezu widersinnig, zu erklären, die späteren Differenzen ihrer beiden Schulen. wurzelten in der verschieden gearteten Persönlichkeit der Lehrer. — Die einzige Quelle, die uns über Hillel und Schammai Mittheilungen macht, ist der Talmud. Dieser erklärt die Differenz beider Schulen ganz einfach und sachgemäß mit den Worten: „Seitdem eine Menge Schüler Hillel's und Schammais nicht genügend sich um die in persönlichem Umgänge mit ihren Lehren zu gewinnende Lehre bemühten, entstanden die vielen Meinungsverschiedenheiten in Israel, und erhielt die eine Thora, das Aussehen zweier verschiedener Lehren." (Sotah 47b. Sanhedrin 88b.) Von einem aus der Verschiedenheit der Charaktere sich ergebenden Zwiespalt in der Lehre, wissen unsere Quellen — Nichts. Diese Entdeckung ist erst neuern Datums und beruht in dem Bedürfniß, alte fromme Belege für den Verrath an unserer heiligen Gottessache zu finden. Diese offenkundigen, jedem ehrlichen Kenner des Talmud bekannten Thalsachen, verhindern die Anwälte des Reformjudenthums natürlich nicht, nach ihrer Schablone weiter zu citiren. - Hillel bleibt der freisinnige, tolerante, deshalb erleichternde, neue Bahnen brechende, selbstständig denkende, sich um Ueberlieferung nicht viel kümmernde Reformer, wenn auch die Quellen von allem Dem Nichts wissen, oder das vollendete Gegentheil sagen, Schamai bleibt dagegen der denkscheue, starrköpfige erschwerende Stabile. Man kann dem Reformjudenthum die Freude an diesen Sächelchen lassen, solche Mittel halten seinen Niedergang nicht auf. Nur zwei Striche wollen wir uns noch zum Schluffe durch diese historische Gemälde erlauben. Der Herr Landrabbiner Or. Adler sagt (S. 16): „Mit Hillel begann eine n e u e Lehrmethode, „die für alle, von einem Forschungstrieb beseel- „ten Jünger besonders anziehend war. — Sie „war eine geistige Beschäftigung, wohlthuend an- „ziehend und erhebend." Der Talmud dagegen sagt: Hillet lehrte: eine Handvoll geschöpftes Wasser macht das rituelle Bad untauglich, und bemerkt dabei man müsse denselben Ausdruck gebrauchen, den man von seinem Lehrer überkommen habe. P^diö d’d (p» pn nPd ->O1« bbn (M"d n"e> ,niny) picPu nop u”n Duxtfr mpcn Diese Schlußworte erklärt Rambam im Namen seines Vaters folgendermaßen: „Hillels Lehrer, Schemajah und Abtalion waren bekanntlich Proselyten, und konnten als solche kein n aussprechen; sie sprachen daher p« statt pn; obwohl nun bei Hillel dieser Grund wegfiel, so sagte er ebenfalls p« statt pn, weil er sich für verpflichtet hielt, das von seinem Lehrer Ueberkommene wortgetreu zu überliefern." (Man vergl. auch die treffende Erklärung *0^11 «"n Mn zu dieser Stelle.) Wir möchten bezweifeln, ob in dem ganzen talmudischen Schriftthume ein Zeugniß für gewissenhaftere Ueberlieferungstreue sich findet, als es hier von Hillel berichtet wird, demselben Hillel, dem Herr vr. Adler eine neue Lehrmethode und sonst alles Mögliche insinuirt. — Dieses Bild des wahren, talmudischen „wortklaubenden" Hillel paßt also nicht zu unfern modernen angeblichen Hilleliten. Der Herr Landrabbiner sagt ferner: „Mit Hillel war aber in dieser Beziehung sein Genosse Schammai nicht in Uebereinstimmung. Diesem war das Traditionelle durch Ueberlieferung an das Gedächtniß die Hauptsache. Das Denken anzuregen, mag ihm vielleicht schon bedenklich vorgekommen sein, aber noch mehr ein selbstständiges Erforschen und Begründen der Beschlüsse, die, früher schon gefaßt, als Ueberlieferung unabänderliche Gesetzeskraft haben sollten."