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Der Israelit · 1879-01-02 · Heft 1 (2.1.1879) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 1 (2.1.1879)
Date
1879-01-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3 Reformrabblnen an sich haben müßte, wenn er die Auslegung der Thora der Willkür aller Zeiten überweisen wollte, nachdem er mit dem feierlichsten Ernste ihre Unzertrennlichkeit von dem schriftlich niedergelegten Gesetze ausgesprochen hat. — Wem sie nicht genügen sollte, den verweisen wir auf die Schlußworte des Maimonides zu Hilchoth Metta, von denen schon Rabbi Israel Deutsch in seinen Briefen an Muhr sagte, daß er sie noch nie von einem Reformrabbiner citirt gefunden habe*). — Man könnte zum Ueberfluß hier noch die Worte des Rambam in Hilchoth Teschuwah 111. 8 anführen; aber es hieße sich an den Manen dieses iw, dieses großen Adlers versündigen, wenn man ihn durch Citate erst frei von den Velleitäten erweisen wollte, die ihm der Casseler Landrabbiner insinuirt. Mit dem Citiren hat der Verfasser entschieden Unglück; es ist uns noch selten ein Buch vorgekommen, in welchem so vieles theils vollständig falsch, theils leichtfertig citirt wird als in dem Hillel und Schammai des Herrn vr. Adler. Ad vocem Hillel und Schammai! — Wenn ein Reformrabbiner ein Buch schreibt, welches den Titel führt: Hillel und Schammai oder die conservative Reform und der stabile Conservatismus, so braucht man eigentlich das Buch selbst gar nicht mehr zu lesen. Dann wird Hillel verhimmelt und Schammai verdammt. Der verhimmelte Hillel ist das Prototyp der konservativen Reform, und der schwarze Schammai, ist das Urbild der Stabilität. Das wird dann in dem Buch bewiesen, mit einem großen Aufwand von scheinbar gelehrtem Apparat und die große Welt, oder doch der winzige Bruchtheil von Lesern, glaubt es. Man glaubt ja so gerne, was man gerne hört, und man hört so gerne, daß der moderne weitfchichtige Abfall, den man selber mitmacht, gar keine Fahnenflucht sei, das sei Nichts als ein bischen Reform, und Reform sei gar nichts Neues, Reform hätte es schon vor vielen Jahrtausenden gegeben, der sanfte, gute, geduldige Hillel sei ihr eigentlicher Begründer, und frommer wie Hillel brauche man doch nicht zu sein. Auch der erleichternde Reformator Hillel hätte an dem fanatischen Schamai, einen bösen stabilen Gegner gehabt, er sei aber füglich doch - *) Diese Briese smd unter dem Titel jn* 1855 erschienen , und und durch Herrn Rabbiner Dr. E m. Deutsch in Loh rau, O.-Scbl. zu beziehen. — So geschätzt dieser Briefwechsel auch von jedem, der ihn kenn:, ist, so wenig allgemein bekannt ist derselbe; und doch besitzen wir leider nur wenige literarische Productionen, die an Klarheit uud Schärfe des Urtheils, an Anmuth und Einfachheit des Ausdrucks, an Gelehrsamkeit und ächter ungekünstelter Religiosität, diesen Brieten an die Seite zu stellen wären. als Sieger hervorgegangen, die Halacha, gesetzliche Entscheidung richte sich nach Hillel rc. rc. Das ist so ungefähr die Quintessenz diese« Ammenmärchens, das aber der Casseler Landrabbiner nicht einmal erfunden, sondern nur ein wenig breit getreten hat. Wir haben dieser Fabel einige trockene Bemerkungen entgegen zu halten, die ausreichen dürften, dieses ganze Phantasiegebilde auf seinen Werth zurückzuführen. Unsere moderne Geschichtsforschung — die originelle nämlich, nicht die breit tretende, welche auf diese Bezeichnung keinen Anspruch erheben kann, — unsere moderne Geschichtsforschung führt mit Recht die thalsächlichen an die Oberfläche tretenden geschichtlichen Erscheinungen, auf den Cha-» racter ihrer Träger zurück, und sucht jene durch diesen und diesen durch jene zu erklären. So gerechtfertigt, und von so glänzenden Erfolgen dieses Verfahren für die geschichtliche Forschung auch im Allgemeinen ist, so wenig geeignet, so vollständig verkehrt ist seine durchgängige Anwendung auf die jüdische Geschichte. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte seiner Seele, seines Lebensnervs, d. h. seiner Thora und der großen weitverzweigten Literatur, die sich an sie knüpft. Die * Treue und der Abfall, die Folgen, welche aus dieser Treue für das Gotteswort und diesem Abfall von ihm sich ergaben, sie machen zusammen die Geschichte aus. — Dessen waren sich die Träger der jüdischen Geschichte aller Zeit bewußt, die für die Thora lebten und wirkten und starben. Sie wußten, daß es die Seele des jüdischen Volkskörpers ist, deren Dienst sie sich geweiht hatten, sie waren von der ganzen Heiligkeit des Heiligthums, dem sie dienten, so durchdrungen, daß ihre Persönlichkeit, ihre Neigungen , daß Alles zurücktrat, wenn sie ihres Hohepriesteramtes warteten, und den geistigen Ausbau ihres Volkes förderten, indem sie die Thora immer heimischer im jüdischen Kreise machten, um sie ihm unverlierbar für alle Zeit zu sichern. — Das himmlische Gut, dessen Hüter, dessen bloße Hüter und Erhalter sie sein wollten und waren, dieses himmlische Gut, das sie uns überantworteten, hat daher mit der Persönlichkeit, mit den Charaktervorzügen und Charakterschwächen seiner Lehrer Nichts zu thun. Sie lehrten und entschieden nach bestimmten Normen und Regeln, über deren Anwendung der Geist aber nirgends das Gemüth zu entscheiden hatte. Man ersteht daraus, welchen horrenden Jrrthum man begehen würde, wenn man aus gesetzlichen Bestimmungen, die uns durch diesen oder jenen Weisen überliefert sind, Schlüsse auf den

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