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Der Israelit · 1878-12-25 · Heft 52 (25.12.1878) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 52 (25.12.1878)
Date
1878-12-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1287 — „Scholaum", antwortete der Begrüßte. Bei dem Tone dieser Stimme zuckte der Rabbiner zusammen. „Woher seid Ihr?" fragte er. — „„Aus Bingen am Rhein."" — „Euer Name?" — „„Joseph."" — „Ihr könnt Schabboß bei mir essen!" — Joseph nickte zustimmend, und der Rabbiner begab sich an seinen Platz. Als er nach dem Schluß der Synagoge nach Hause kam, bat er seine Frau, ein Licht in das für fremde Gäste bestimmte Stübchen bringen zu lassen und dort einen vollständigen Anzug nebst Hemd, Strümpfen und Schuhen zurecht zu legen. Bald nachher kam der Gast. „Folgt mir", sagte der Rabbiner und führte ihn in das Stübchen. „So", sagte er, „dies ist Euer Zimmer. Da sollt Ihr wohnen, solange Ihr in Marburg bleibt. Und hier ist ein andrer Anzug nebst allem Zubehör. Zieht Euch zuvor an, ehe wir Kiddusch machen." Joseph war im höchsten Grade erstaunt. Fragend blickte er auf den Rabbiner. Die Augen Rabbi Samuels füllten sich mit Thränen als er sagte: „Dentis Euch nicht, daß Ihr einst einen halberfrorenen, verhungerten, in Lumpen gehüllten Knaben wärmtet, speistet, kleidetet?" », „ Ihr seid ....?"" stammelte Joseph. „Samuel Steeg", ergänzte der Rabbiner, seine Arme ausbreitend, in die der in Lumpen gehüllte Bettler laut weinend sank. „Und nun", sagte der Rabbiner, „kleidet Euch um. In zehn Minuten bin ich wieder da und hole Euch zu Tisch." Dann ging er zu seiner Frau und seiner Schwiegermutter, die bei ihm wohnte, und bat sie, den Ga,r nur recht zu ehren, damit der von schwerem Unglück Heimgesuchte einen recht vergnügten Schabboß habe. Es war Winterszeit und die Freitag-Abende waren lang; aber der Abend verging Rabbi Samuel und den Seinen und seinem Gaste mit Windesschnelle; so viel hatten sie sich gegenseitig zu erzählen. Am Ausgange des Sabbat, nach Hawdoloh, ließ der Rabbiner die reichsten Israeliten von Marburg bitten, zu ihm zu kommen. „Rabboßai", redete er sie an, als sie der Bitte Folge geleistet hatten, „hier dieser Mann, Joseph aus Bingen am Rhein, ist mein Freund, mein Wohlthäter, ja er ist mir ein Vater geworden, als der himmlische Vater meine Eltern zu sich genommen hatte. Als arme Waise, verhungert und erfroren, ohne genügende Kleider kam ich in schrecklicher Winterszeit nach Bingen. Da nahm dieser Mann mich ins Haus, sättigte mich, kleidete mich und behielt mich bei sich, wiewohl er selbst nicht wohlhabend war. Viele Leute verdachten es ihm und sagten, daß er seinen eigenen Kindern entziehe, was er an mir thue. Er antwortete Allen, die so redeten: „Gott zahlt's." Und Gott wird's ihm zahlen. DaS Capital, das er damals angelegt, bleibt ihm für die zukünftige Welt; aber die Zinsen wird er schon in dieser Welt genießen. Rabboßai, die Hand Gottes hat seitdem schwer gelegen auf diesem frommen, braven, edlen Manne; ein erwachsener Sohn ist ihm gestorben; seine Frau war viele Monate schwer krank; die Fluthen des Rheins habrn sein Häuschen beinahe zerstört. In Folge aller dieser traurigen Ereignisse ist der gute Mann gänzlich verarmt. Rabboßai, ich kenne Eure edle Herzen; ich weiß, wenn ich Euch bitten würde, ihn zu unterstützen, ihm zu schenken — Ihr würdet schon um der Dankbarkeit willen, die Euer Rabbiner dem braven Manne schuldet, ein Uebriges thun und reichlich spenden. Aber Euch würde es Opfer kosten und meinem Freund Joseph würde es wenig nützen. Deßhalb möchte ich ein Anderes Vorschlägen, was Euch nichts kosten und dem guten Joseph aufzuhelfen im Stande ist. Wisset, bei Bingen wächst sehr guter Wein und rings um Bingen, an beiden Ufern des Rheins, sind viele Dörfer, in denen gute Jehudim wohnen , die alle Koscher-Wein bereiten, in Ockenheim, in Büdesheim, in Rüdesheim, in Gaulsheim, in Algesheim, in Aßmannshausen, in Geisenheim, in Ingelheim, in Oestrich, in Erbach und an vielen andern Orten*). So bitte ich, Rabboßai. bestellt Euren Bedarf an Wein bei meinem Freunde Joseph; der Eine eine Ohm, der Andere eine halbe Ohm, der Dritte ein Viertel-Oehmchen und zahlt ihm das Geld gleich im Voraus; ich garantire Euch dafür, daß er Euch guten und koscheren und preiswürdigen Wein senden wird." „Was kostet eine Ohm guten Weines?" fragte Rabbi Moscheh Metz, der erste Parneß. „Für 50 Thaler" sagte Joseph, „werde ich Euch etwas Extrafeines senden können." „So notirt mir eine Ohm; ich heiße Moses Metz. Das Geld schicke ich heute Abend noch." Dem Beispiele des ersten Parneß folgten die Anderen, und als sich die Kunde von den Ereignissen des Abends in der Kehilla verbreitete, da kamen Sonntag noch Biele, die Geld brachten und Bestellungen machten; ja. die Minderwohlhabenden thaten sich zusammen zu zwei, zu drei, zu vier, um gemeinsam ein Viertel-Oehmchen zu bestellen. Alle bezahlten im Voraus, und Joseph *) Das war damals.

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