Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447796--15657-2471614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1286 tauften Juden Dr. Maaß" und anderen Schriften nach Ansicht der Herren Dr. Jellinek (Wien), Herxheimer (Bernburg), Adler (Cassel), Grünebaum (Landau). Joel (Breslau). Herzfeld (Braunschweig), Gebhardt (Bromberg) u. A. m. das Judenthum gegen gehässige Angriffe vertheidigt habe.*) Ferner heißt es daselbst, daß hier unter meiner Aegide Gebete abgeschafft worden wären, welche von der AuserwähltheitIsraels sprechen, dem ist aber nicht so. Nur diesenigen Gebete sind aus dem Gebetbuche gestrichen, welche eine Ueb er Hebung**) mit einem Seitenhiebe***) auf andere Völker, also die Worte D’Dyn bDa und nunc^n bjo, involviren, während umna nn« u. dergl. m. consequent wie im Geiger'schen Gebetbuche belassen wurden. Ueberhaupt bestehen die Reformen nur****) in der Einführung des Geiger'schen Gebetbuches, welches in Frankfurt, Darmstadt und mehreren Gemeinden schon lange im Gebrauche und von den meisten reformirten Gebetbüchern nicht sehr verschieden ist. Bonn, 18. Dec. 1878. Dr. Schreiber, Rabbiner. Berlin. Eine Diebesgesellschaft, welche am Donnerstag voriger Woche der Liebermann'schen Synagoge in der Spandauerftraße eine Einbruchsvisite abgestattet hatte, ist durch die Criminalpolizei inzwischen ermittelt und zum Theil auch verhaftet worden. Das gestohlene Gut, mehrere zu gottesdienstlichen Zwecken dienende silberne Geräthe. an deren Wiedererlangung den Bestohlenen aus Pietät gegen den Geschenkgeber sehr viel gelegen war, ist leider bereits zufammengeschlagen resp. eingeschmolzen gewesen; der betreffende Silberbarren ist mit Beschlag belegt worden. Bei dem Hehler, welcher das zusammengeschlagene Geräth einer hiesigen Fabrik verkauft hatte, sind außerdem noch consiscirt worden: eine vor Kurzem gestohlene goldene Uhr, ein Stand Betten und eine Partie neu gefertigter Bettwäsche, deren Eigenthümer noch nicht bekannt sind. *) Anm. der Red.: Unsere Behauptung, daß I>r. Schreiber gegen das Jude nthum zu Felde gezogen, sollte natürlich nichts Anderes bedeuten, als „gegen das orthodoxe, traditionelle Judenthum; es ist das für uns das einzige; Neforinjudenthum gilt uns nicht mehr für Judenthum. **) Anm. der Red.: In unfern heiligen Gebeten gibt cs keine Ueberhebung; wer dieselben einer solchen beschuldigt, stellt sich damit schon aus einen dem wahrhaften Judenthume feindlichen Standpunkt. ***) Anm. der Red.: Seitenhieb! Welch eine Sprache gegen Israels Heiligthümer! Und welche Logik! Da rrns Gott erwählt hat, so hat Er uns natürlich ans allen Böllern erwählt. Aus was sonst? ****) Anm. der Red.: nur'.'.'. Feuilleton. Kott zahlls. (Schluß.) Unserm Freunde Joseph in Bingen war es unterdeß recht schlecht ergangen. Wohl hatte er die letzten Briefe Samuels aus Prag empfangen; aber er hatte sie nicht beantwortet. Denn erstlich war das Porto in damaliger Zeit sehr, sehr theuer*) und zweitens wollte er den Jüngling nicht mit Klagen behelligen. Seine Frau und jsein ältester Sohn waren schwer erkrankt. Der Sohn erlag der Krankheit; die Frau genas zwar; aber das lange Krankenlager zehrte den bisherigen Wohlstand vollständig auf. Dazu kam ein harter, schwerer Winter und im Frühjahr eine furchtbare Ueberschwemmung. Das ausgehende Eis des Rheins hatte sich am sogenannten Brnger Loch gestaut, und der Strom überschwemmte die Ufer in ganz erschrecklicher Weise. Ein großer Theil der Ju° dengasse stand unter Wasser; auck das Häuschen Josephs. Als das Wasser abgeflosfen, war das ohnehin schon vorher baufällige Häuschen dem Einsturz nahe und konnte nicht wieder bezogen werden; es neu aufzubauen, dazu fehlte das Geld. In seiner großen Noth und Verlegenheit, entschloß sich Joseph, die Verwandten seiner Frau am Niederrhein aufzusuchen, um von ihnen eine Unterstützung zu heischen. Ohne alle Mittel machte er sich auf den Weg, zu Fuße wandernd, Speise und Trank und Reisegeld von wohlthätigen Glaubensgenossen erbittend. So kam er an den Nieder» rhein; aber die Verwandten seiner Frau waren theils gestorben, theils verarmt. Seine beschwerliche Reise war eine vergebliche gewesen. Was sollte er nun anfangen? Ohne Geld konnte er nicht nach Hause kommen. Er beschloß, weiter zu wandern und die Hilfe wohlthätiger Glaubensgenossen zu erbitten. So kam er nach Westphalen, wo damals viele wohlhabende, fromme und mildthätige Israeliten lebten. Als an einem Freitag-Abende der junge Rabbiner von Marburg in die Synagoge trat, sah er einen in Lumpen gehüllten Mann an der Thüre stehen, der ihm bekannt schien. Er streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Scholaum Alechem" *) Noch als der Herausgeber dieser Blätter in Prag studirte, vor nicht ganz drei Jahrzehnten, kostete ein Brief in die Heimath (Provinz Hannover) 10 gute Groschen (1 M. 25 Pf.)