Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1284 gleichwohl die Vertreter einer Glaubensgemeinschaft nur durch Stabilität das Bestehen des Glaubens zu sichern suchen, so kann ihnen die Berechtigung dieser Ansicht nicht streitig gemacht werden, aber eben so wenig darf ihrerseits die Berechtigung durch Reform die Erhaltung zu erzielen in Ameifel gezogen werden. Ansicht gegen Ansicht"*). Man staune einen Augenblick diese wunderbare, zwingende Logik an, mit der da das alte Judenthum aus seinen Angeln gehoben werden soll, aber es muß sofort geschehen, weil wir sie sogleich verfließen sehen werden, wenn man nur einige Tropfen critisches Scheidewasser darüber gießt. Die Lehren des Judenthums sind also für Menschen gegeben! Gewiß. So lange wir demnach Menschen sind, sind auch die Lehren des Judenthums für uns gegeben. Zugegeben? Ja; aber wir sind doch der Veränderung unterworfen! Mit Nichten, Herr Landrabbincr. Wir Menschen sind als Menschen keiner Veränderung unterworfen, wir sind heute Menschen wie es unsere Altvorderen vor Jahrtausenden waren. Ist die Lehre des Judenthums, Wille des Einzigen, Ewigen, Zeiten und Menschen überdauernden Gottes, dann ist es auch möglich, ja dann ist es auch nöthig. daß der alte Gott, als er vor Jahrtausenden in feierlichster, offenkundigster Weise seinen Willen proclamirt, alle Zeiten und Verhältnisse vorausgesehen und auch unsere- Zeit gemeint hat, als er sein Gesetz Dbiy mnt> für ewige Zeiten seinem Volke überantwortet hat. Die Menschen sind Veränderungen unterworfen? Worin äußert sich diese Veränderung? Wenn Gottes heiliger Wille in unfern Kreis tritt, unsere Thätigkeit und Ruhe, unser Genießen und Entsagen , unser Geben und Nehmen, unser Denken und Handeln, kurz das ganze menschliche Leben regeln will, da brauchte man nur die Phrase hinzuwerfen, die Menschen hätten sich verändert, um von dem Ernst dispensirt zu sein, mit dem dieser göttliche Wille seine treue Erfüllung von uns erwartet? Und wenn sie sich verändert hätten die Menschen, wenn Zeit und Mode, Laune und Willkür , Sitte und Unsitte, wenn alle Nüancen, die dieser äußere Firniß annimmt, wirklich den Menschen in seinem innersten Wesen, ja die gesammte Menschheit geändert hätten, dann müßte Gottes heiliger Wille jedesmal der Weisheit und Thorbeit der Sterblichen sich fügen, und unserer irdischen schwäche gemäß angepaßt, d. h. reformirt werden? *) 'crne "1TN1 minn to tt'71 n. Das ist der Inbegriff der ganzen modernen Thora, alles übrige ist nur Commentar. Ist denn aber in der That eine derartige Veränderung mit den Menschen vor sich gegangen, die den wahnwitzigen Gedanken einer Reform, eine Correctur des göttlichen Willens, auch uur formell statthaft erscheinen lassen könnte? Hat man vor Jahrtausenden den Reiz der Sünde weniger stark empfunden, war es früheren Zeiten ein geringeres Opfer ein Siebentel seiner Zeit dem Lenker aller Zeiten zu weihen, war der Gaumen unsrer Ahnen weniger lüstern, waren ihre Leidenschaften weniger heftig, daß nur von ihnen Gott für seine Gesetze des Sabbats, seine Speisegesetze, seine Keuschheits- und Reinheitsgesetze die Erfüllung hätte verlangen können, wir aber hätten uns verändert, hätten uns trotz allen sonst so laut gepriesenen Fortschritts, so zu unserem Nachtheil verändert, daß uns die sittliche Kraft und jene unbeugsame Festigkeit abhanden gekommen wäre, die adlerleicht und löwenstark den Willen Gottes erfüllt. und weil diese Veränderrng mit uns vorgegangen wäre, deshalb müsse nun auch Gottes Willen durch flache Weltlinge diesem ganzen Jammer gemäß zugestutzt werden? Gibt es ein v-rderblicheres Sacrilegium als dieser Wahnwitz, der das eigentliche Princip des Reformjudenthums ausmacht? Und von einem solchen Ansinnen wird unverfroren verlangt, daß man seine Berechtigung nicht einmal, in Zweifel ziehe, während das Streben den für alle Zeiten zweckmäßen Willen Gottes unangetastet zu erhalten und zur Geltung zu bringen, geradezu eine Herabwürdigung genannt wird! „Ansicht gegen Ansicht" declamirt der Herr Landrabbiner.' Wiederum mit Nichten. Das ist nicht Ansicht gegen Ansicht, das ist kecker sträflicher Uebermuth gegen die bewährten viertausendjährigen Traditionen eines ganzen Volkes, das ist auf der einen Seite das offenkundigste geschichtliche Factum, das Menschen überhaupt besitzen, die Offenbarung Gottes als Gesetzgeber seines Volkes, und auf der anderen Seite frivole Leugnung dessen, was Heller leuchtet als die Sonne, das ist um kurz zu sagen, auf der einen Seite Wille, Gesetz, oder 8. v. v. Ansicht Gottes und auf der andern Seite die grillenhafte Schrulle eines mit der Zeit lebenden, mit der Zeit vergehenden Reformrabbinen, der nicht weiter sieht, als seine Brille reicht, und der deshalb Gott und seinem Gesetz leichtsinnig den Handschuh mit den Worten hinwicft: „Ansicht gegen Ansicht!" Wahrlich. cs ist ein wahres, von der tiefen psychologischen Weisheit unserer Weisen zeugendes Wort,^ das der segnende Mund Rabbi Jochanan den Sakkai's den sein Sterbelager umstehenden Schülern als letzten Segen zurückließ: