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Der Israelit · 1878-12-25 · Heft 52 (25.12.1878) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 52 (25.12.1878)
Date
1878-12-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIX. Jahrgang, Erste Beilage;u Nr. 52 -cs Israelit. Leitender Artikel. Der Niedergang des Keformjudenthums. IV. Wenn Jemand blinde Schüsse unter eine große Menschenmenge feuerte, und hinterher diese seine Handlungsweise damit entschuldigte, daß er nur Schuldige habe treffen wollen, so wäre das im verjüngtem Maßstabe das frivole Gebühren, dessen sich der Herr Landrabbiner von Cassel schuldig macht, wenn er die Anhänger des überlieferten Judenthums verlästert, und dann nebenbei erklärt, es gäbe zwar auch ordentliche Menschen unter seinen Stabilen, aber die habe er auch nicht gemeint. Ein Rabbiner, der gegen die Anhänger einer Richtung innerhalb des Judenthums, ja. der gegen die Bekenner des eigentlichen Judenthums einen solchen Kreuzzug in seiner „Friedensstimme" predigt, der muß nothwendigerweise bei jedem unbefangenen Veurtbeiler seiner Schrift den Glauben erregen, als hätten die von ihm erhobenen Beschuldigungen eine allgemeine Berechtigung, als gäbe es wirklich bei uns eine blinde fanatische Sorte, nach dem Wahngebilde des Casieler Friedenspredigers , deren Bekämpfung man ein ganzes Buch widmen müsse. — Wie in aller Welt sollen nun erst nichtjüdische Judenfeinde uns schmähen, was sollen nun unsere christlichen Mitbürger über uns denken, wenn sie sehen wie ein Rabbiner Über seine Neligionsgenossen herfällt? Sie wissen ja nicht, brauchen ja nicht zu wissen, daß diese Hetzereien nicht einmal von den Hetzcaplänen selbst — wie wir zu ihrer Ehre annehmen — geglaubt werden, daß es sich nur um ein letztes verzweifeltes Kraftmittel eines Reformbeiligen handelt, um den rapiden Niedergang des Reformjudenthums zu glorificiren. Ob eine solche Kampfesweise, die Rehabilitirung des Rcformjudenthums wieder möglich machen, oder ihm den letzten Credit nehmen wird, ob sie nicht die ganze Verblendung und Beschränktheit seiner Wortführer documentirt, die ihrer verlornen j Sache zu dienen wähnen, wenn sie die Vertreter j des orthodoxen Judenthums als Verläumder ver-! I läumden — diese und ähnliche Fragen bedürfen für den Einsichtsvollen keiner Beantwortung mehr. — Es genügt, dieses wüste Treiben der öffentlichen Meinung zur Beachtung übergeben zu haben, um ihm die gebührende Verachtung zu sichern. — Wir gehen daher zum wissenschaftlichen Theil des Adler'- schen Pamphlets über, insofern er diesen Namen überhaupt verdient. „Neuerungen machen, sagt Lessing, kann sowohl der Charakter eines großen Geistes, als eines kleinen sein. Wer nun ein Buch zur Rechtfertigung jener gesetzwidrigen Neuerungen schreibt, deren Summe man gewöhnlich Reformjudenthum nennt, und dabei wie Herr Dr. Adler dies thut, den obigen Lessing'schen Satz an die Spitze seines Raisonements stellt, der erkennt hiermit diesen Satz nicht nur im Allgemeinen, sondern auch speciell für seine Person hinsichtlich der Apologie der Neuerungen an, welcher dieses Wort Lessing's als Motto vorangeschickt wird. Ein solches Molto an der Spitze eines solchen Buches, in schlichtes Lessing'scheS Deutsch übersetzt, heißt: Neuerungen machen, kann sowohl der Charakter eines großen Geistes, als eines kleinen sein. Das vorliegende Buch enthält Neuerungen, folglich ist sein Autor ein großer Geist — oder ein kleiner. — Der Autor hat sicherlich zu viel Achtung für das Judenthum übrig, als daß er glaubte, ein kleiner Geist könne seiner Verbesserungsbedürftlgkeit abhelfen. Keine Friedensliebe wird es andererseits mit Resignation hinnehmen , wenn die urtheilsfähige Menge es für den vorliegenden Fall lieber mit der Lessing'schen Eventualität hält. Ansicht gegen Ansicht. „Ansicht gegen Ansicht", das ist ja der Refrain der Weisheit, mit welcher im Vorwort in wenigen Worten, eigentlich Alles verrathen wird, was wir im Buche Sr. Ehrwürden Himmelstürmendes gegen das überlieferte Judenthum zu gewärtigen haben. „Es ist also", heißt es daselbst nach vielen - Umschweifen, „es ist für das Judenthum die Annahme wesentlich, daß die Lehren für die Menschen gegeben sind und da diese der Veränderung unterworfen sind, so müssen das auch die Lehren und gesetzlichen Bestimmungen sein. Sie stabil erhalten wollen, würde nicht eine Verherrlichung, sondern Entwürdigung zur Folge haben. Wenn

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