Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1878)
- Date
- 1878-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1282 „Ihr habt's gerathen." „„Gestrenger Herr — noch weiß Niemand, avßer uns, daß der lange Dietrich widerrufen will. Beeilen wir uns, die Juden der Tortur zu unterwerfen. Haben wir ihr eigenes Geftändniß, so kann ihnen der Widerruf des Anklägers nicht mehr nützen."" *£), Ihr seid ein kluger, gescbeidter Mann! Ich bitte Euch, bestellet den Henker." Der Stadtschreiber ging; bald darauf kamen die Rathsherren zu der anberaumten Sitzung. Der Bürgermeister theilte ihnen mit, daß man sofort zum peinlichen Verhöre der angeklagten drei Juden schreiten wolle. Die Rathsherren hatten nichts dagegen einzuwenden, und alle begaben sich in das Gemach, das für die Tortur hergerichtet war. Bald darauf erschien der Stadtschreiber mit dem Henker, der seine Peinigungswerkzeuge mitgebracht hatte. Zuerst wurde Raphael von Dambach hereingeführt. Die Anklage wurde verlesen und die Aussage, welche der lange Dietrich zu Protokoll gegeben hatte. „Was hast Du darauf zu erwidern?" fragte der Bürgermeister den Angeklagten." „„Es ist Lüge und Verleumdung", rief der Jude. „Niemals habe ich einen solchen Auftrag gegeben, niemals habe ich ein Sacrament verlangt. Was sollte ich auch damit? Möge man mir den langen Dieterich gegenüberstellen; er wird nicht den Muth haben, seine abscheulichen Lügen mir ins Gesicht zu sagen."" „Man wird Dich schon zum Geftändniß der Wahrheit bringen. Brückmann, lege ihm die Daumfchrauben an!" Der Henker packte den Juden. „Halt!" rief da der älteste Rathsherr, Herr Friedrich Bergmann, „ich meine, es sei Rechtens, vor dem peinlichen Verhör den Ankläger mit dem Angeklagten zu confrontiren." „Ich bin nicht dieser Meinung", sagte der Bürgermeister. „Wollten Eure Gestrengen nicht Dero Gründe angeben?" fragte der Rathsherr. „Es handelt sich hier um ein Saerilegium der schlimmsten Sorte; da sind die gewöhnlichen Normen nicht maßgebend." „Wenn aber", fragte der älteste Rathsherr, „der Ankläger seine Denurrciation zurücknehmen möchte, so hat ein Saerilegium gar nicht stattgefunden." „Stimmen wir ab", entschied der Bürgermeister. Die meisten Rathsherren, seit vielen Jahren gewohnt, dem Bürgermeister blindlings zu folgen, gaben ihre Stimmen dahin ab, daß in diesem Falle von eine,? Confrontatton abzufehen sei. Als der Henker den Angeklagten auf's Neue ergriff, sagte dieser mit lauter Stimme: „ Gott, mein Herr, gib mir Kraft und Muth, die Leiden, die Du über mich verhängst mit Geduld und Demuth zu ertragen, damit ich meinen Mund nicht mit einer Lüge beflecke." Er sprach kein Wort mehr; bei den schrecklichsten Schmerzen kam kein Wehelaut über seine Lippen. Auf all die Fragen seiner Peiniger gab er keine Antwort. Nachher wurde Michael von Reichshofen hereingeführt; auch er ertrug Alles mit der größte» Standhaftigkeit. Als auch Raphael von Oberehnheim mit demselben Heldenmuthe die gräßlichen Qualen ertrug, sprach Herr Friedrich Bergheim: „Gott schützt die Unschuld und kräftigt sie". Der Bürgermeister sah ihn mit einem grimmigen Blicke an. „Schreiten wir zum peinlichen Verhöre zweiten Grades!" sagte er. „Ich protestire!" rief Herr Friedrich; „es ist nicht Rechtens, das peinliche Verhör zweiten Grades an demselben Tage vorzunehmen, an welchem . . . ." „Stimmen wir ab", unterbrach ihn der Bürgermeister. Da wurde die Thüre aufgeriffen, und Rabbi Joselmann stürzte herein. „Ihr wagt es!" schrie ihn der Bürgermeister an. „Gestrenger Herr Bürgermeister und Ihr, meine gnädigenHerren vomRathe," sprachRabbiJoselmann, „Ihr wollet mir verzeihen, daß ich hier eindringe; ich bin ein Beamter Seiner Majestät des Kaisers, und habe mit dem Herrn Bürgermeister ein geheimes, wichtiges Wort zu reden, das keinen Aufschub duldet." Der Bürgermeister erhob sich und ging in ein anstoßendes Gemach. Rabbi Joselmann folgte ihm und schloß hinter sich die Thüre. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hoibuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).