Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447795--15630-2471586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1260 die Stabilität oder*) die Annahme, daß die Orthodoxie jedes Mittel zur Bekämpfung der Reform sich gestatten dürfe,-zu widerlegen, ist es einzig und allein, was ich berücksichtige."! Hier werden also die Schafe scharf von den Böcken gesondert. Fromm, lammfromm für sich, darf jeder sein, selbst bis zur Stabilität, »hne eine Ungnade fürchten zu müssen, nur muß man sich mit seiner Stabilität hübsch ducken, und darf den Andern, den Nicht-Stabilen, Nichts in den Weg legen. Wohlgemerkt, Nichts! auch seine Ueberzeug'ung nichtdenn ein Stabiler hat keine Ueberzeugung, das ist ein Privilegium der Mobilen. Die Mobilgarde eröffnet daher den Kampf gegen die stabile Orthodoxie, weil jene von dieser als irreguläre Truppe behandelt wird, gegen welche man die gewöhnliche Kriegführung nicht anwendet, sondern sich jedes Mittel zur Bekämpfung gestalten zu dürfen glaubt. Und in der That die stabile Orthodoxie, wie sie Herr i)r. Adler zum Besten gibt, verdient bekämpft zu werden. Merkt es, alle treuen Anhänger des von den Vätern überkommenen Judenthums, wie ein Rabbiner. über Euch und Eure „stabile Religiösität" urtheilt, beherzigt aber vor allen, Ihres, hessische Landgemeinden, wie Euer eigener Rabbiner die religiöse Richtung hinstellt, die doch auch die Gärige ist, in der Ihr lebt und sterbt und die Ihr einst Euren Kindern zu vererben bestrebt seid. „Eine stabile Religiösität," heißt es auf S. 31 der Friedensstimme, „ist für Scheinfröm* migkeit, was Fliiterglanz für Putz - und Prunksucht. Dieser kostet wenig und gibt ein vornehmes Ansehen, jene läßt sich ausüben bei gänzlicher Unwissenheit und nur sehr geringer sittlicher Willenskraft. -Solcher selbstsüchtigen Stabilität gegenüber ist jede Beweisführung vergeblich. Man mag ihr einen Jrrthum noch so klar nnd überzeugend Nachweisen, sie wird nicht anderer Meinung, denn sie will es nicht werden, weil es ihr nicht um Wahrheit zu thun ist, sondern um Erreichung des von ihr angestrebten selbstsüchtigen Zweckes." „Was ist dem stabilen Conservatismus Charakterfestigkeit? Was ein in strenger Wahrhaftigkeit consequentes Humanitätsprincip? Was gilt ihm der Adel der Seele, das rastlose Forschen des dürstenden Wissensdranges? Das uneigennützige selbstlose Wirken für seine Religionsgenossen? Ja, was gilt ihm alles Dieses und Aehnliches, wenn dieselbe Persönlichkeit nicht auch ganz nach seiner Auffassung jeden Paragraph des Schulchan Aruch beobachtet?-Aber wer heuchlerisch den *) Man beachte die wunderbar logische Verbaldefinition, die mit diesem „oder" eingeleitet wird.j Talith über den Kopf zieht, recht große Tephillin sich anschafft, alle Reformer schmäht und in die Hölle verflucht, recht fromm klingender hebräischer Phrasen sich bedient, allen Schochtim mißtraut, und sonst in jeder nur möglichen Weise den Formendienst hochstellt, hat sich seines Beifalls und seines Schutzes zu erfreuen.-— Ist er ein Fleischer, nur sein Fleisch ist koscher und eine Kundschaft ist ihm gesichert; ist er ein Weinhändler, so muß jeder fromme Jude von ihm seinen Weinbedarf beziehen; ist er Bäcker — dann wird auch das Brod eines nichtjüdischen Bäckers zu den verbotenen Speisen gezählt und er ist eines guten Einkommens sicher. Ganz besonders einträglich ist für den Colonialwaarenhändler der Eintritt in ein solches stabil-orthodoxes Lager, der Verkauf auf Peßach sichert ihm schon allein ein halbjähriges Auskommen. *) Ferner wird S. 50 constatirt, durch die rituellen Bestimmungen werde der Heuchelei Vorschub geleistet, zumal wenn der sonstige Charakter gar nicht beachtet wird und Leute notorisch nur in gewinnsüchtiger Absicht einen Ceremoniendienst heucheln, den sie früher nicht beobachteten, sobald sie sich einen andern Erwerbszweck verschafft haben. auch wieder über Bord werfen. Mit einem Worte, wird S. 56 resumirt, die Stabilität hält sich für berechtigt, Vergehungen anzuwenden, die das Judenthum als die schwersten und größten in religiöser und moralischer Beziehung längst schon bezeichnet hat: jnn pwv npttf Daß diese Mittel angewendet wetden, alle Welt weiß es und heißt es in der Anmerkung, Niemand kann in Abrede stellen — denn zahlreiche Berichte liegen vor, daß mancher Wortführer der Stabilität obige Vergehungen: Lüge, Hinterbringung, Verleumdung und böse Nachrede als Mittel gebraucht und vor vin nicht zurückschreckt."**) Schämen Sie sich, schämen Sie sich, Herr *) Die geschätzten Leser erinnern sich vielleicht, daß vor wenigen Monaten ein Artikel der „Judenthumszeitung", „Der Separatismus des Iudenthums," von —r in C. die gebührende Abfertigung gesunden hat. Wer der Vers, dieser verleumderischen Verlogenheiten war, konnte man nur vermuthen. Unter jenen Expectorationen befand sich nun folgender Satz: „Wenn der Weinreisende im Voraus weiß, er werde sein Geschäft ausdehnen, so willigt er um so mehr ein sich auch zu trennen, je weniger sein Verhalten von der Gewissenhastiglett bestimmt wird, ebenso der Bäcker des Koscherbrodes, der Käseverkäufer, der Metzger, der Verkäufer von Petzachwaaren". Tie nahe Jdeenverwandtschaft zwischen diesem Satz und den verleumderischen Behauptungen des Landrabbiners von Cassel dürfte zur Feststellung des Verfassers jener Jerobeamiade nich ohne Interesse sein. **) Anm. der Red.: Die Correspondenz „Cassel" in dieser Nummer gibt;u diesen Expectorationen des Herrn Landrabbiners Dr. A. eilte eigenthümliche Illustration.