Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XIX. Jahrgang. 51 -es Israelit. Erste Leilagk;u Nr. Leitender Artikel. Der Niedergang des Ueformjudenthums. 777. Die im vorigen Capitel geschilderte Art und Weise, wie der Herr Landrabbiner seine Friedens- Apostel-Mission in der eigenen Gemeinde ausfaßt, findet in seiner uns vorliegenden „Friedensstimme" die entsprechend erweiterte Ausdehnung auf die gesammten Bekenner der jüdischen Orthodoxie oder „Stabilität", wie sie hier genannt wird. Die Verdächtigungen, Verleumdungen .und Hetzereien der landrabbinerlichen Leistung haben bei diesem Passus den Höhepunkt der Unverfrorenheit erreicht, weßhalb wir zu seiner richtigen Würdigung etwas weiter auSholen müssen. ES ist heute ziemlich allgemein anerkavnt, wie unzulänglich die treue Hingebung an daS überlieferte Judenthum durch die Bezeichnung Orthodoxie, jüdische Orthodoxie, .bezeichnet wird. Nichtsdestoweniger hat sich die sogenannte jüdische Orthodoxie, Dank ihrer inneren Lebenskraft, ein solches Ansehen selbst unter diesem Namen errungen, daß ihre Lästerer sie unter diesem Namen uicht mehr zu begeifern wagen. Die Friedensstimme schmäht daher daS überlieferte Judenthum und feine Träger, d. h. die große Mehrzahl der gesammten Judenheit,^ stabil, h. feststehend unverrückbar, allen äußeren Einflüssen unzugänglich; im Munde eines Reformrabbiners auf das positive Judenthum angewandt soll dieses Wort aber bedeuten, eigensinnig , verknöchert, starrköpfig, keinen Vernunft-. gründen zugänglich u. dergl. Liebenswürdigkeiten mehr. Das Judenthum und seine Seele, die Thora, stabil, in des Wortes wörtlicher Bedeutung zu nennen, kann man gerne zugeben. Jeder Baum ist stabil, d. h. er steht unverrückbar fest in dem Boden, der ihn trägt; er hörtauf zu sein, wenn er diese Stabilität a'ufgibt. Je älter ein Baum ist, desto mehr gewinnt er an Stabilität, nur junge und noch schwache Bäume können ohne Schaden von ihrer Stelle versetzt werden. Unsere Thora ist auch ein Baum, ein yy na D'p'ino1?, ein Baum des Lebens für Alle, die sich an sie halten, warum sollte sie nicht stabil sein? I Sie ist vielleicht das einzige Stabile anf Erden, das mit Recht diesen Namen verdient, das seinen hohen idealen Standpunkt nicht verläßt, sich keiner Zeit und Mode beugt, das Einzige, das sich während der Jahrtausende seines Weilens im irdischen Kreise so unverändert treu geblieben ist, daß ein jüdischer Weiser mit Recht sagt, man könne eigentlich von Nichts in der Welt sagen „Dieses ist", als von der Thora, die sich heute noch fo in unserer Mitte befindet, wie sie uns Moscheh gebracht. .nvD Der new mmn r«n , mm nvrr nw Diese von Zeit und Geschmack unabhängige, über alles Irdische, Vergängliche, hoch erhabene Eigenthümlichkeit unserer Thora ist natürlich denen nicht bequem, welche ihr „religiöses Bedürfniß", wie sie es nennen, nicht von dem klar ausgesprochenen Gotteswillen, sondern von den jeweiligen Launen, Anschauungen und Schwächen der augenblicklichen Zeitströmung abhängig machen. Sie bejubeln die Accomodation des Gottesgesetzes den Anforderungen der Sinnlichkeit, Bequemlichkeit und Leichtfertigkeit als Fortschritt unseres Jahrhunderts, nennen diese Herabwürdigung eine neue glanzende Phase, eine zeitgemäße Umbildung, kurz, Reform des Judenthums, während sie die Einigkeit, Erhabenheit und unantastbare Göttlichkeit der Thora Stabilität, und diejenigen, welche es mit dem überkommenen Bäterglauben ernst nehmen und ihn im praktischen Leben mit jüdischer Pflichttreue bewähren, die Stabilen schmähen. Wenn das Reformjudenthum ein Bischen von der Stabilität besäße, welche die Friedensstimme seines Wortführers dem gesetzestreuen Judenthum in so hohem Grade vindicirt, — dann wäre ihm geholfen. Wenn eS nur mit einer Wurzelfaser so tief in den Herzen seiner Nachbeter wurzelte, wie daS wirkliche Judenthum in Millionen Geistern und Gemüthern seine sichere, festgegründete Stätte hat. so wäre der rasche Niedergang vielleicht noch aufzuhalten. — Aber die Stabilität soll nun einmal Sache des orthodoxen Judenthums sein. Gut, geben wir uns zufrieden. „Es ist nun nicht die Orthodoxie," so schickt der Herr Landrabbiner voraus, „die ich mir zu be, kämpfen vorgenommen hätte, nicht einmal die Stabilität an sich, d. h. diejenigen, welche für sich stabil sein wollen, oder auch Anderen Nichts in de Weg legen, ihrer Ueberzeugung Ausdruck zu zebenn