Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1878)
- Date
- 1878-12-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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*5 I*<WUP« 1258 keinen andern Erwerb gelassen. Nicht uns Juden,! sondern die Christen, die solche Gesetze und Verordnungen gegeben, müßt Ihr dafür verantwortlich machen." Rabbi Joselmann schwieg; der lange Dietrich sah starr vor sich nieder. «Und Ihr", fuhr Rabbi Joselmann zu reden fort, „der Ihr Niemanden anders anzuklagen habt als Euch allein, Euren Leichtsinn, Eure Arbeitsscheu, Eure Genußsucht, die Euch inS Verderben gebracht haben für dieses Leben, Ihr wollt jetzt noch Eurer Seele Seligkeit daran geben; um eine kleinliche, elende Rache zu nehmen — Rache, an Leuten, die Euch nie Böses gethan haben?" „„Was, nichts Böses? Und die Wucherzinsen, die mich an den Bettelstab gebracht haben?"" „Nehmt an, Ihr hättet den Juden keine Zinsen zu zahlen gehabt, hättet Ihr das Geld, das Ihr Jenen gegeben, nicht dennoch verschwendet, vertrunken, verspielt? Aber gesetzt auch, sie hätten' Euch Unrecht gethan, was in aller Welt berechtigt Euch zu der falschen, lügnerischen Angabe, die Ihr Euch ersonnen, um drei Menschen dem schrecklichen Tode preiszugeben?" „„Pah, es sind ja nur Juden."" „Und sind denn die Juden nicht auch Menschen? O, Mann, ich sage Euch, dieser schändliche Mord, den Ihr an den Juden begeht, wird Euch hinabziehen in den Pfuhl der Hölle, zu den ewigen Qualen der Verdammniß." „„ Ha, ha, verdammt bin ich so wie so. Ich habe ein lästerliches, lüderliches Leben geführt, bin in die Kirche eingedrungen und habe den Opferstock erbrochen und bestohlen. Dafür werde ich aufs Rad geflochten und mutz nachher in die Hölle wandern zu ewiger Qual. Da kömmts nicht darauf an, ob ich ein paar Sünden mehr oder weniger mit hinüber nehme."" „Ich aber sage Euch, es kömmt gar sehr darauf an! Für Alles, was Ihr bisher verbrochen habt, gilt der gewaltsame Tod, den Ihr erdulden werdet, vor Gott, dem Herrn, als Sühne. Dann geht Ihr ein als ein Gerechter in das ewige Leben, nachdem Ihr schon hier auf Erden Eure Sünde gebüßt habt. Wehe Euch aber, wenn Ihr noch den Mord unschuldiger Menschen mithinüber nehmet! Gottes Richterwort wird Euch den Strafengeln überliefern, und all die Qualen, die Ihr jenen Unglücklichen zugefügt, werden Euch vergolten werden — nicht einmal, zehnmal, sondern immer, ewig. Ein entsetzlicher Durst wird Eure I Eingeweide verbrennen, und kein Labetrunk wird Euch jemals erquicken; ein glühender, eiserner.. „..Hört auf, hört auf! Ich will Euch einen Vorschlag machen: Schwört Ihr nur bei Gott, dem Allmächtigen, nach meiner Hinrichtung für meine Frau und meine Kinder zu sorgen, daß sie ihr Brod nicht vor den Thüren fremder Leute zu erbetteln brauchen, so will ich vor Gericht die Wahrheit sagen und meine Anklage als falsch und verleumderisch zurücknehmen." " „Und wenn man Euch dann auf die Folter spannt und Ihr sagt dann aus, daß Ihr deßhalb Eure Anklage widerrufen, weil der Jude Joselin von Rosheim Euch versprochen hat, für Euer Weib und Eure Kinder zu sorgen, so wird man die drei Angeschuldigten dennoch verbrennen. Nein, ich kann Euch das nicht versprechen." Als der lange Dietrich schwieg, fuhr Rabbi Joselmann zu reden fort: „Und würde, wenn Ihr nur gegen ein solches Versprechen Euer großes Unrecht wieder gut machen wolltet, würde es Euch dann der allgerechte Richter als Sühne amechnen? Rein, Mann, Ihr müsset die Wahrheit um der Wahrheit willen gestehen; Ihr müßt Eure schändliche Anklage zurücknehmen, weil es Euch reut, gelogen und verleumdet und dadurch Eure Mitmenschen ins Elend gebracht zu haben. Nur in diesem Falle wird Gott Euch verzeihen." „„Und woher wißt Ihr das so genau, Jude? Seid Ihr droben gewesen im Himmel und hat Euch Gott seine Geheimnisse anvertraut?"" „Ich bin nicht droben gewesen im Himmel; aber Gott hat uns Menschen vor vielen tausend Jahren seine Geheimnisse anvertraut, als er sich unfern Voreltern auf dem flammenden Sinai geoffenbart hat." „„Ihr seid ein gelehrter Mann, Herr Jude, und wisset besser Bescheid als unsre Geistlichen alle. So will ich denn Euren Mahnungen folgen und mein fälschliches Zeugniß widerrufen. Ob's Euren Brüdern etwas helfen wird? Die Herren vom Gericht waren so froh mit meinem Zeugnisse und haben mir die Worte in den Mund gelegt." " „Und sollte es meinen Brüdern nichts nützen — Euch wird ein offenes Geständniß der Wahrheit vom ewigen Verderben erretten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Rrdaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).