Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1878)
- Date
- 1878-12-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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„stabil" schmähen muß, um nur einen Horror gegen dasselbe einzuflößen. In diesen scheinbar harmlosen Bezeichnungen spricht sich allein der ganze Bankerott des Neformjudenthums und seiner Helfershelfer aus. „Conservative Reform!" Wie muß cs dem überlieferten Judenthum seit den jüngsten Jahrzehnten doch gelungen sein, die Geister und Gemächer wieder für sich zu gewinnen, welche das Reformjudenthum mit seinem erkünstelten Flitter und Schaumgold für einige Augenblicke verwirrt hatte, wenn die gegnerischen Kämpfer selber die conservative Flagge aufhissen, gegen die sie bisher mit dem ganzen Fanatismus des Unglaubens angekämpft haben, um so die Reform wenigstens dem Namen nach zu retten. Reform ä tout prix, Reform a outrance, Radicale, nicht conservative Reform war das Losungswort, welches in der Jugendzeit der Reform ausgegeben worden war, und wenn heute an die Stelle der Reform sang phrase konservative Reform treten muß, so ist mit diesem Decorationswechsel deutlich genug gesagt, daß das Schauspiel seinem Ende entgegen geht. „Conservative Reform!" Was in aller Welt bedeutet denn diese Phrase, wenn sie überhaupt etwas bedeutet? Wer zu den conservativen d. h. zu den erhaltenden Anhängern des Judenthums gezählt werden will, kann es doch nicht mit der gegnerischen Seite halten wollen, und wer das Judenthum reformfähig und reformbedürftig hält und nach seiner Einsicht oder Beschränktheit daran reformirt, der bezeugt doch 60 ipso, daß er eben nicht conservariv ist. Was würden wir wohl von einer politischen Richtung halten, die sich z. B. „conservativen Fortschritt" nennen würde? Und doch sind Conservatismus und Fortschritt nicht so schneidende, disparate Gegensätze, wie Judenthum und Reformjudenthum oder Conservatismus und Reform. Wir werden auf die „conservative Reform" noch eingehend zu sprechen kommen, wenn wir den uns vorliegenden Schwanengesang des deutschen Reformjudenthums, welcher aus der Casseler Friedensstimme herausklingt, ein wenig Revue passiren lassen. Auch der „stabile Conservatismus" soll dann seine Würdigung finden. Für diesmal nur einige allgemeine Bemerkungen. Obwohl es sonst nicht Al unseren Gepflogenheiten gehört, obscure Schmähschriften aus ihrem wohlverdienten Dunkel an die Oeffentlichkeit zu ziehen, so glaubten wir dennoch in vorliegendem Falle eine Ausnahme machen zu müssen. Es handelt sich darum, den Verfall des Reformjudenthums aus den Worten seiner eigenen Häupter 'j klarzulegen. Daß Herr vr. Adler die wissenj schaftliche Begründung und Rechtfertigung des Reformjudenthums führt, ist schon ein halbes Fiasco für seinen Klienten. Das Häuflein der Getreuen muß sehr gelichtet und kampfesmüde sein, wenn das Reformjudenthum durch die Wissenschaft des Casseler Landrabbiners gerettet werden soll. Man hatte von derselben bis jetzt gar keine Ahnung gehabt. Seine bislang erschienenen Schriften behandeln nirgends fpecifisch wissenschaftliche Materien, sondern bestehen in allgemeinen mehr oder weniger salbungsvoll gehaltenen Betrachtungen über die Pirke Äboth, Causerien über Humanität, Lesebücher, Bearbeitung von Religionsbüchern et alia hujuscemodi. Wir wüßten uns auch nicht zu erinnern, daß der Herr Landrabbiner von Cassel je von irgend einer Seite als wissenschaftliche Capacität bezeichnet worden wäre. Daß es aber speciell die jüdische Wissenschaft nicht ist, auf welcher die Lorbeeren des Hrn. vr. Adler gewachsen wären, braucht nicht erst gesagt zu werden. Wer wirklich jüdisch-wissenschaftliche Bildung besitzt, braucht nicht das Metier eines Reformrabbinen zu ergreifen, und wer nun einmal gern als Reformrabbiner glänzen möchte, muß es über sich ergehen lassen, daß man ihn so lange un -inu b. h. als Ignoranten beurtheilt, bis er das Gegentheil bewiesen hat. — [Die uns vorliegende Arbeit des Casseler Landrabbiners strotzt nun von so vielen Beweisen der Ignoranz, daß es sich wohl der Mühe lohnt, an einigen Beispielen darzuthun, wie die bekannte Friedensliebe des Autors sich auch darin äußert, daß er in Betreff der jüdisch-wissenschaftlichen Befähigung nicht mit dem Gros seiner Herren Collegen disharmonirt. Er unterscheidet sich von ihnen höchstens darin, daß er nicht correct deutsch schreiben kann, was sonst bei der Mehrzahl der Reformrabbiner allerdings der Fall ist. Da Mancher über diese Behauptung ungläubig den Kopf schütteln dürfte, so mögen hier einige wenige Stylproben folgen, welche übrigens nur als einstweilige Abschlagszahlung gelten zollen. S. 8. Die Person ist es nicht, welcher die Entscheidung zusteht, sondern seine Befähigung. S. 22 lesen wir folgende ciceronianische Periode: „Daß auch schon der leiseste Gedanke zur (?) Berechtigung eines unduldsamen Verfahrens gegen Andersdenkende oder Gläubige, d. h. anstatt mit Gründen zu kämpfen, sich irgend eines anderen Mittels bedienen, um die letzteren abzuwehren oder unwirksam zu machen, daß schon die geringste Spur eines solchen Verfahrens Fanatismus und in seinem Wesen eben so