Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1187 Sachverhaltes, mich geradezu zum Verbrecher, zum schändlichsten Menschen stempeln müßte; und je mehr ich an meiner echten, wahrhaftigen Menschenwürde verloren hatte, desto ängstlicher klammerte ich mich an den leeren erlogenen Schein äußerer Menschenehre. — Meine Lage ward in mehrfacher Beziehung eine qualvolle. Ich war von unaufhörlichen Gewissensbissen gefoltert, und es blieb vergeblich , daß ich es versuchte, mich mit Lust und Liebe in den Strudel des Geschäfts- und Gesellschaftsleben zu stürzen. Ich war einer nervösen Reizbarkeit zur Beute geworden. Ich konnte oft ohne äußern ersichtlichen Grund inmitten einer heiteren Tischgesellschaft, etwa an einer Hochzeitstafel plötzlich zusammenzucken! .... Ich wußte mein Verbrechen hatte auf Erden nur einen Zeugen, Oppert, und der würde so lange ich nicht in Feindschaft mit ihm gerieth, schon in seinem eigenen Interesse schweigen; — aber doch konnte ich bei dem leisesten Geräusche zusammenfahren — wurde in meiner Gegenwart von Diebstahl, Raub, Veruntreuung und Betrug gesprochen, schien es mir, daß alle Augen auf mich ruhten — ich konnte mich kaum entschließen, den Namen Erdmann auszusprechen und wenn ich zufällig Markus oder seiner Schwester auf der Straße begegnete, so war ich für den ganzen Tag unfähig, mich wieder zu sammeln. Wenn das Wort Gefängniß vor mir ausgesprochen wurde, schauerte ich zusammen, und als ein Brünner Geschäftsfreund, den ich zum Mittagmahle geladen, an meinem Tische eine Schilderung des Spielbergs und der Behandlung seiner Gefangenen entwarf, war ich ohnmächtig worden.... Ueberdies war ich in völlige Abhängigkeit von Oppert gerathen, der Mann hatte meine Ehre, meine Zukunft in der Hand; — und ich war mit fast unlöslichen Banden an ihn geknüpft!" Oppert ist ein schlauer Mensch, und war klug genug gewesen, mich im Anfang seine Gewalt über mich nicht in all zu hohem Grade fühlen zu lassen; aber schon das fortwährende Zusammenleben mit ihm, ward mir zur unerträglichen Last — und so bot mir mein ganzes Dasein nichts als Ueberdruß und Ekel .... schon oft war ich entschlossen, dieser entsetzlichen Existenz durch ein offenes, sreimüthiges Geständniß ein Ende zu machen; aber jedesmal fand ich, daß es schon zu spät sei, daß Simon Reding schon zu lange im Kerker saß und es wohl für mich kein Mittel mehr gab, ihn für solche Leiden zu entschädigen — und je länger es währte, desto unausführbarer erschienen mir meine Absichten, den Raub und Alles, was damit zusammenhing, von mir zu werfen, ein ehrlicher Mann zu werden, ein neues Leben zu beginnen! — Einen Theil meines Verbrechens mag ich wohl schon durch das, was ich gelitten, eingebüßt haben. Am unerträglichsten wurden mir die Abende, die ich als Wittwer einsam, allein verlebte, meine Tochter, meine Karoliue, war noch zu jung, um mir Gesellschaft gewähren zu können, so entschloß ich mich, um nicht gar zu vereinsamt mit meinem laut aufschreienden Gewissen zu bleiben, zu einer zweiten Ehe zu schreiten. Ich fand in meiner Veronika, das was ich suchte, eine kluge Frau, gereift an Verstand und doch voll Anmuth und Liebreiz — aber der böse Geist war nicht zu bannen, und ich fürchte, auch Veronika hat die Zeit ihrer zweiten Ehe nicht glücklich verlebt, und bloß in der Erfüllung ihrer Pflichten, gegen ihren Gatten, ihre eigene Tochter, und selbst gegen ihre Stieftochter, mein Kind erster Ehe, — LebenSintereffe und Lebensfreudigkeit gewonnen. Allein, wenn ich schon geglaubt hatte, meine Leiden hätten den höchsten Grad erreicht, so steigerten sich diese wieder plötzlich in einer unerwarteten Weise.... Markus Erdmann und meine Tochter hatten sich bei einer Hochzeitsfeier kennen und lieben gelernt, und mein offenes, vertrauendes Kind, hatte mir unter tiefem Erröthen gestanden, daß sie glücklich würde, wenn sie Markus Erdmanns Gattin werden könnte, und daß dieser am nächsten Tage;u mir kommen, UM sie werben würde. Diese überraschende Mittheilung meines sonst schämigen, scheuen Kindes, traf mich wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel! — ich .... ich sollte mein einziges Kind dem Manne zur Gattin geben, dessen Anblick mir Grauen einflößte, dessen Namen ich nicht aussprechen mochte, den ich am liebsten aus meinem Gedächtnisse gelöscht hätte! — Der Mann, bei dessen Anblick sich mir daS Blut im Herzen vereiste, und der kalte Angstschweiß auf die Stirne trat, — der sollte mein Schwiegersohn, mein Hausgenosse werden, — meine Enkel sollten, wenn sie seine Gesichtszüge trugen, mir eine ewige Mahnung. lebendige Gewissensbisse sein, eine lebendige Erinnerung an die schmachvolle Veruntreuung, die ich begangen, und das mit dem entsetzlichen Verbrechen, das ich an Simon Reding verübt, in innigstem Zusammenhänge stand — diese Erinnerungen sollten fortleben in den Zügen meiner Enkel und Enkelkinder! — ich stand wie betäubt, ich war keines Wortes mächtig! — Meine Tochter mochte dies als eine schweigende Einwilligung betrachten, — und Samstag Vormittag nach Schul — erschien Markus Erdmann, und warb um Karolinens Hand. — Ich hatte Alles aufgeboten, die Sache ruhig zu überdenken, ihr eine helle, lichtvolle Seite abzugewinnen, ich hatte mir sogar tausend