Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447792--15556-2471509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1185 Frankreich. Pavis. (Monatsbericht (Septembers der „All. Jsr. Univ." Schluß.) Zweiter Brief. Schiraz, Dienstag, den 19. Sephira-Tag 5638, kar. k^mor. Wir schreiben Ihnen mit Thränen in den Augen, um Ihnen unsere Noth zu schildern . . . . Ein Israelit starb und hinterließ 6 kleine Kinder; drei Renegaten stellten sich als Verwandten vor, nahmen 30 Tomans, worüber sie quittirten und gingen fort. Hierauf erhielten wir die Sendung aus Paris, die Schrift: Mischloach Manoth (Ueber die Reise des Schah nach Europa). Unsere Freude war unbeschreiblich, wurde aber bald zerstört. Ein getauftes Weib, Namens Hadji Danos-Ajan, meldete sich sodann gleichfalls als Verwandte und machte ihre Ansprüche auf die Erbschaft geltend. Sie ging zum Gouverneur, der Soldaten ins Haus der Waisen schickte und es völlig durchsuchen ließ; da man jedoch weder Geld noch Kostbarkeiten, sondern nur gebrauchte.Kleider fand, so wollte das Weib vom ganzen Hause Besitz ergreifen. Ganz Schiraz war in Trauer und Thränen; wir gingen zum muhamedanischen Richter und brachten dann unsere Klage beim Gouverneur vor; einen Monat später schrieb der Gouverneur selbst, daß man dem Weibe 30 Tomons geben soll, nachdem dasselbe der Wittwe und den Kindern für mehr als 100 Tomans Schaden zugefügt hatte. Das Weib nahm 35 und gab eine Quittung. Einige Monate später ging der Gouverneur nach Teheran und wurde vom Ferman Ferma ersetzt. Das renegate Weib kam sodann zum zweiten Male und behauptete, daß die Quittung, die es gegeben, ungiltig wäre. da es sein Erbtheil früher an einen Mann verkauft gehabt hätte. Schließlich jagte sie die Wittwe und die Kinder aus dem Hause, verschloß die Thüren und forderte von Neuem 140 Tomans. Wir waren gezwungen, um dem Weibe diese Summe zu bezahlen, uns Geld auf Zinsen zu leihen. Früher erhielten die übergetretenen getauften Juden nur 1 bis 20 Tomans als Erbtheil, niemals mehr; als sie jedoch von dieser Affaire hörten , beschlossen sie, eS ebenso zu machen. Jetzt können alle Renegaten sich als Verwandte melden, wen« sie es auch nicht sind, und wir sind aus Furcht genöthigt, ihnen eine Geldsumme zu geben. Wenn das so fortgeht, wird es hier bald keinen Menschen unseres Glaubens mehr geben. Die jungen Leute schwören ihn grundsätzlich ab, um einen Vorwand gegen die Erben von Verwandten zu haben, so that ein anständiger junger Mann, Mohammed Ibrahim, und verursachte seinem Verwandten Salomon Banai einen Verlust von 500 TomanS. Ein anderer Israelit ist von Muhamedanern ermordet worden; ein Renegat meldete sich, nahm den Waisen Alles fort und gab Quittung. Die Summe, die der Mörder als Sühne zahlen mußte, wurde gleichfalls von dem Renegaten genommen, und die Waisen haben Nichts erhalten. Hier die Namen der klägerischen Renegaten: Hadji-Banos Ajan und ihr Ehemann Mahomet Ibrahim; Hadji Mahome Baker; Ali Murad und Mohamet. Dies sind 5 große Missethäter, deren ganzes Geschäft darin besteht, ihr Verwandtschafts- Verhältnisse bis auf 1000 Jahre zurück zu erforschen, um Erbschaftsansprüche zu machen. Wir bitten Sie rr. Hier endlich noch ein interessantes Schreiben aus dem Kaukasus: 18. Siwan 5638. Indem wir Ihnen unsere aufrichtige Hochachtung bezeugen, sehen wir «ns genöthigt. Ihnen die Leiden zu melden, welche die Israeliten vom Anfänge bis zum Ende des Jahres treffen. Im Jahre 5636 (1876) wurden wir fäschlich bei den Behörden von Tiflis und dem Sohne des Königs des Mordes angeklagt, und man gab uns keine Genugthung, es wurde nicht einmal ein Urtheil gesprochen. Als die Leute des Dorfes Suram dies hörten, thaten sie im I. 5637 (1877) desgleichen; sie klagten die Juden des Mordes an, fielen plötzlich über sie her, mißhandelten fürchterlich Männer, Weiber, Kinder, plünderten ihr Vermögen, jeder für seine Rechnung, stürzten sich auf die Synagoge, verwüsteten sie schändlich und nahmen eine Gesetzrolle fort; einige Tage später erfuhr man, daß die Rolle sich im Besitze eines Schuhmachers von Gori befände. Einer von uns wollte ihm dieselbe um jeden Preis abkaufen, aber der Schuhmacher antwortete: „Wärst Du früher gekommen, hätte ich sie Dir geben können, jetzt kann ich nichts mehr für Dich thun; ich habe sie in kleine Riemen zerschnitten, um sie als Sohlen zu verwenden." Er zeigte ihm hierauf Schuhe, in denen sich Pergamentstücks als Sohlen befanden, mit den Buchstaben nach Innen und der weißen Seite nach Außen; unser Bruder kaufte 2 Paar Schuhe zur Erinnerung an dieses schreckliche Ereigniß. Nun sind bereits 3 Monate verstrichen, seitdem in dieser Sache, sowie wegen der an dm Juden von Suram begangenen Todtschläge und Plünderungen bei der Regierung Schritte gethan worden sind, aber wir haben weder eine Antwort, noch ei« richterliches Erkenntniß erlangt. Noch in diesem Jahre (1878), im Monat Ni-