Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1878)
- Date
- 1878-11-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1182 Freude. Wie mußten ihn erst die Juden seines engeren Heimathlandes ehren , und wie die Juden von Colmar, die er von dem schrecklichen Loose der Vertreibung errettet hatte! Sofort aber reute ihn die Freude und dos Wohlgefallen an äußerer Ehre. „Verzeihe mir, mein Gott," sprach er, „was ich gesündigt habe in meinem Herzen, daß ich für mich Ehre erwünscht und den Beifall der Menschen. O, erhalte mir ein reines Herz, damit ich wirke und thätig sei immerdar ohne einen andern Zweck, o Gott, als Dir zu dienen und Deine heiligen Gebote zu beobachten." Sein Frohsinn war verschwunden, und als er einen Glaubensgenossen daher kommen sah, gesenkt ten Hauptes und betrübter Miene, da wunderte er sich nicht; er erwartete eine schwere, betrübende Botschaft als Strafe für den unlautern Gedanken, für die selbstsüchtigen Wünsche. Es war Seligmann von Dambach, einem Dorfe in Unter-Elsaß, der die Straße daher wanderte. Rabbi Joselmann stieg vom Pferde und ging, das Pferd an der Hand führend, dem Manne entgegen. „Seligmann," rief er ihm zu, „warum blickt Ihr so finster?" „Ach, Ihr seid es, Rabbi Joselmann,,"" entgegnete der Angeredete; „„ich habe wohl Grund traurig zu sein, und ich will Euch Alles erzählen; aber laßt uns zuvor jenes Wirthshaus am Wege aufsuchen, wo Ihr Euer Pferd abstellen könnt; denn es ist eine lange und traurige Geschichte, die ich Euch zu berichten habe."" Sie thaten also, und als Rabbi Joselmann sein Pferd hatte in den Siall stellen und füttern lassen, da ließ er für sich und seinen Begleiter Brod und Bier in den Garten am Wirthshause bringen; aber die Beiden aßen und tranken nicht, und Seligmann von Dambach begann zu erzählen: „„Kennt Ihr den langen Dieterich von Kestenholz?"" „Den Spieler, den Trunkenbold, der Haus und Hof verspielt und vertrunken hat?" „„Diesen meine ich. Vor einigen Wochen kam er zu meinem Bruder Rephoel und sagte zu ihm: Durch Euch Juden habe ich HauS und Hof verloren; meine Frau und Kinder gehen betteln. Ihr Juden müßt mir Haus und Hof wieder verschaffen; sonst mache ich Euch Alle unglücklich. — Nicht durch uns Juden, sagte mein Bruder, hast Dü Haus und Hof verloren, sondern weil Du ein Trunkenvold, ein Spieler bist. — Ha, rief er, hättet Ihr Juden mir nicht immer geborgt, eS wäre nie so weit mit mir gekommen. Ich verlange 3000 Gulden, damit ich Haus und Hof zurückkaufen kann; wenn nicht, so mache ich Euch alle unglücklich. — Was willst Du thun? fragte mein Bruder. — Mein Leben ist mir zur Last, sagte der Schurke; ich will es nicht länger mit ansehen, daß Frau und Kinder des reichen Dieterich von Kestenholz, wie man mich früher nannle, darben und betteln müssen. Gebt mir oder verschafft mir die dreitausend Gulden; wo nicht, so thue ich etwas, was mir zwar das Leben kostet, was aber Dich und noch andere Juden schwer treffen wird. — Mein Bruder wies ihm die Thüre. Später haben wir gehört, daher das gleiche Ansinnen an Michael von Reichshofen und an Rephoöl Lehmann von Oberehnheim gestellt habe. Dem Letzteren schuldete er noch 60 Gulden; und dieser sagte zu ihm: die sechzig Gulden, die Du mir schuldig bist, will ich Dir schenken. — Da lachte er und sagte: Dafür sage ich Dir keinen Dank. Wo nichts ist, da hat selbst der Kaiser sein Recht verloren. — Wenige Tage nachher sind die drei Unglücklichen verhaftet und in's Gefängniß zu Oberehnheim geworfen worden. Wessen der lange Dieterich, sein Name und sein Andenken mögen vertilgt werden, sie angeklagt hat, wissen wir nicht; es muß aber etwas Schreckliches sein. Durch viele Mühen haben wir herausgebracht, daß die Bedauernswerthen morgen gefoltert werden sollen, und wenn sie dann, wie zu erwarten, von Folterqualen gepeinigt, Alles aussagen, was man von ihnen verlangt, so soll es über alle Juden im Elsaß hergehen. Da soll geplündert und gemordet werden. Ach, der Pöbel wartet ja nur auf eine paffende Gelegenheit!" " „Seligmann," sagte Rabbi Joselmann, sich erhebend, „ich begebe mich sofort nach Oberehnheim. Geht Ihr nach Rosheim und saget meiner Frau, daß Ihr mich gesprochen und daß ich noch nicht nach Hause komme, daß ich erst in Oberehnheim Alles versuchen werde, um die Eingekerkerten zu befreien oder doch dahin zu wirken, daß das Unglück keine größere Ausdehnung gewinne." „„Gott segne Euch,"" sagte Seligmann, „„und gebe Euch Gelingen."" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Gott-leb en'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).