Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1878)
- Date
- 1878-11-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1163 zu Gott, mit seiner Hilfe wird eS mir gelingen .Stirb in Frieden Abraham Tarnower, ich Will Dir keinen Haß ins Grab nachsenden. und noch Eins! vielleicht vermag Dirs Deine Todesstunde zu erleichtern, zu verschönen! . . . . Du hast mir weh gethan, weher als es des Menschen kaltes sprödes Wort auszusprechen vermag; — aber Abraham Tarnower in Deines Lebens letzter Stunde hast Du mir den schönsten, seligsten Moment bereitet, den mein armes, freudenloses, dornenvolles Leben kannte. Das Geständniß, das Dich zum Verbrecher stempelt, gibt mir die verlorene Ehre, mit dieser die treue Braut, des Lebens Werth und Glück zurück — uud Abraham Tarnower, D u hast mich zwar in Unglück und Elend gestoßen; — aber daß Du mich — wenn auch spät — daraus erlöst; — dafür danke ich Dir — so wahr ich einst gerecht bestehen will vor Gottes Richterthrone — aus voller Seele, und von ganzem Herzen — und — Abraham Tarnower! Möge Gott Dir so vergeben; — als ich irdischer Mensch, mit irdischer Leidenschaft und Schwäche, bestrebt sein will.Dir zu verzeihen!" Es war ein Moment der tiefsten Stille. der höchsten Rührung eingetreten. Simon Redino, der entlassene Kettensträfling, war — das mußten alle erkennen — ein wahrhafter, edler, großer Mensch! Tarnower ergriff mit seiner Linken Redings Hand und suchte sie in überströmendem Gefüyle an seine sich allmählich verfärbende Lippen zu ziehen, und murmelte leise vor sich hin „und diesen Händen wurden durch meine Schuld Ketten angelegt!" Rabbi Michael Bacharach legte segnend seine Hand auf Redings Haupt — Rabbi Joel Pikwer sprach tiesbewegt; Elokim jochnecho beni! 158) und Markus Erdmann drängte sich an ihn, erfaßte seine Hand und sprach mit bebender Stimme: „Kannst Du mir vergeben, Simon? aber der Schein war gegen Dich, und ich war ein irrender Mensch — der reine ^inn, das herrliche Gemüt6 meiner Schwester hatte Dich besser erkannt — also wirst Du gnädig, barmherzig sein? Wirst Du mir vergeben?" „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, ich werde ja mit dem Bruder des Mädchens. das mich durch ihre Hand beglücken will, nicht in Feindschaft leben wollen", entgegnete Reding mit leiser, vor Erregung vibrirender Stimme. Tarnower holte jetzt schon mühevoller Athem, „ich habe schon Vieles und Wichtiges gesagt . . . . aber ich muß noch weiter sprechen .... Von dem Augenblicke an war mein Lebensglück vollkommen und für immer gestört, ich hatte keine ruhige Stunde mehr; aber, es war merkwürdig — das veruntreute Geld hatte mir, das was die Menschen im gewöhnlichen Handel und Wandel „Glück" nennen, gebracht. Von den gestohlenen zwölftaufend Gulden hatte ich, wie ich schon erwähnte, zehntausend zur Bezahlung meiner Wechsel verwendet, und zweitausend waren noch übrig geblieben. Oppert war ein kühner und kluger Speculaut, er besaß auch einen hohen Grad von Zähigkeit und war durch einen Mißerfolg nicht evtmuthigt. Sein letzter Rath war allerdings ein unglücklicher gewesen, aber Oppert erklärte mir, er werde mir, wenn ich mich seiner Leitung überließe, allen Schaden reichlich einbringen. Ich war an Geist und Gemüth wie gebrochen, Oppert hatte, weil er mein Verbrechen kannte, Gewalt über mich gewonnen — und ich folgte ohne selbstständiges Urtheil blindlings seinem Rathe. — Durch die lang anhaltende Geschäftskrise war der Preis aller Handelsartikel in enormster Weise zurückgegangen, und Oppert wußte, daß mau in den deutschen Hafenstädten große Parthien zu Spottpreisen kaufen konnte. Er veranlaßte mich, unt ihm eine Reise nach Hamburg zu unternehmen, und ich hoffte — wie sich dann herausstellte, allerdings vergeblich — in dem Gewühle der großen Seestadt, unter dem Eindrücke des gewaltigen Melthandelverkehres, wenigstens für Momente die stets laut aufschreiende Stimme meines Gewissens übertäuben zu können. Ich besaß außer den zweitausend Gulden, welche von Rechtswegen Erdmanns Erben gehörten, weiter gar kein Baargeld; aber ich hatte Dank Opperts schurkischem Rathe, und meiner elenden Schwäche, alle meine Wechsel in der härtesten Zeit eingelöst und hatte daher in Hamburg einen unumschränkten Credit — Schon am zweiten Tage unserer Anwesenheit hatte Oppert für mich ein allerhöchst gewagtes, aber glänzend ausgefallenes Geschäft gemacht. Aus einem amerikanischen Hafen war ein Schiff eingelaufen, und Oppert hatte die ganze werthvolle Ladung von dem Capitän gekauft, der Preis betrug über achtmalhunderttausend Mark und Oppert hatte ihm nur dreitausend Mark als kleine Angabe gegeben und sich verpflichtet binnen wenigen Tagen die ganze Ladung um baares Geld zu beziehen. Oppert, der wie ich schon erwähnte, längere Zeit in Hamburg gelebt und die dortigen Verhältnisse genau kannte, hatte sehr richtig calculirt. Er hatte mit dem Eigenthümer der Schiffsladung das Geschäft abgeschlossen, bevor dieser noch mit Jemanden Andern gesprochen, sich über 158) Gott segne Dich mein Sohn!