Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1878)
- Date
- 1878-11-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1162 liebten Kindes zerstören sollte; — aber in dem unerforschlichen Rathschlusse Gottes war es anders beschlossen .... Plötzlich verbreitete sich im Ghetto die Nachricht, Reding hätte seinen, unter höchst erschwerenden Umständen begangenen Diebstahl gestanden, und wäre in Folge seines Geständnisses zu siebenjährigem schweren Kerker verurtheill worden. Diese Nachricht schmetterte mich zu Boden, ich fürchtete wahnsinnig zu werden, ich raufte mir das Haar aus, ich schlug mir den Kopf an die Wand, ein Unschuldiger sollte um meinetwillen sieben Jahre im Kerker schmachten! jetzt rief ich mir tausendmal zu, setzt ifts an der Zeit, die heiligen Eide, die Du lautlos in Deinem Herzen geschworen, einzulösen — jetzt mußt Du's offen bekennen, daß Reding unschuldig und Du der Verbrecher — und sollte Dir dadurch. das Furchtbarste, das Allerentsetzlichste geschehen! aber die Sünde, das Verbrechen hatten mir die geistige Manneskraft geraubt .... ich konnte nur wehklagen, weinen, verzweifeln-— mich zu einem mannhaften gerechten Entschlüsse aufzuraffen. vermochte ich nicht! — um so weniger, als mir Oppert höhnisch zurief; jetzt sei es zu spät, wLNn ich jetzt mein Verbrechen — Verbrechen nannte es nur der Schurke, der den Gedanken dazu selbst in meine Seele gelegt — gestände, würde ich nicht nur einer schweren, schmählichen Strafe anheimsallen; sondern — für endlos ewige Zeiten gebrandmarkt sein, und dadurch auch auf das^schuldlose Haupt meines Kindes unverdiente Schmach, unverdientes Elend bringen! Oppert hatte, wenn es sich darum handelte, irre zu führen, zum Bösen zu verleiten, eine Sache im falschen Lichte darzustellen, eine Meisterschaft, eine berückende Beredsamkeit; — die, wenn man sich in ruhigen Momenten derselben entzogen fühlte, und mit ruhigem Blute darüber nachdachte, vollkommen unbegreiflich erschien. Mit nichtswürdiger Spitzfindigkeit wußte er es mir vorzustellen, daß wenn ich durch mein offenes Geftändniß, einem Unschuldigen die Pforten seines Kerkers öffne, ich dadurch an meinem eigenen Kinde, das doch gewiß so unschuldig als nur möglich sei, ein Verbrechen beging; — er wußte meinen Stolz, meinen Hochmuth, meine abgöttische Liebe für mein Kind, zu seinen finsteren Absichten zu benützen — er blieb Sieger im Kampfe." Tarnower begann zu schluchzen. „Ich ließ einen unschuldigen Menschen sieben Jahre im Kerker schmachten, ich raubte ihm Ehre und Lebensglück, ich stahl ihm die schönste Zeit aus seinem Leben, ich riß zwei liebende Herzen von einander! — o! ich war zuerst aus Noth ein Dieb geworden — aber das war das kleinste meiner Verbrechen — ich hatte Menschen unglücklich gemacht — ich hatte eine Menschenseele gemordet — o! allbarmherziger Gott! ich habe weit mehr als einen Mord auf meiner bejammernswerthen Seele! Simon Reding! Simon Reding!" Tarnower, der halb gelähmte, hatte sich mit einer riesigen Anstrengung von seinem Sterbelager erhoben, und tastete mit der Hand in der Richtung, in welcher Reding stand. „D,! gäbe es ein Mittel für mich. Dir all das Leid, das Du erdulden mußtest, abzunehmen , ich würde es — stände es in meiner Macht — um jeden Preis erkaufen! Simon Reding! ich scheide aus diesem Leben und in kurzer Frist wird meine erschreckte Seele vor des höchsten Richters Thron stehen .... kannst Du dem armen Verzweifelnden verzeihen?" Aller Augen waren nun auf Reding gerichtet, . . . . der aber trat nahe heran an Tarnowers Bett, erst athmete er tief auf aus voller Brust, dann sprach er: „Abraham Tarnower — ich habe nur einmal in meinem ganzen Leben gelogen — und das war durch Dich! — das war an jenem Tage, als der Criminalrichter ergrimmt über mein halsstarriges Leugnen, und von meiner Schuld überzeugt, befahl", eine aufflammende Röthe der Scham über» fluthete Redings männlich schönes Antlitz, „mich auf eine Bank zu legen; und mich zu schlagen bis — ich die pure reine Wahrheit sagen wollte. da.empörte sich das Menschengefühl in mir ob solcher Ungebühr und Unwürdigkeit. die an mir ausgeübt werden sollte — und bevor ich das erdulden wollte — wollte ich lieber das Furchtbarste über mich ergehen lassen — und als der Rath durchaus die pure reine Wahrheit wissen wollte .... da habe ich ihm eine schmähliche Lüge gesagt — aber deren Folgen trafen mich .schwer — so schwer, daß ich Dirs nicht sagen und nicht schildern kann wie schwer — und ich hoffe zu dem allmächtigen Gotte, daß er mir am Tage des Gerichtes diese Lüge vergeben wird. — Diese große Lüge war die erste meines Lebens, — und sie soll auch die einzige bleiben! — also Abraham Tarnower ich kann Dir nicht sagen — Mann! ich kann Dir Alles das, was Du an mir — an meinem armen Mütterlein, die einsam, allein — blind, durch die Thränen um den einzigen Sohn, gestorben, der in ihrer letzten Stunde ferne von ihr war durch Deine Schuld — was Du an meiner Braut an Wilhelmine Erdmann gethan — in einer einzigen Minute vergeben und vergessen — das kann ich nicht — aber hier hast Du meine Rechte, meinen Handschlag als Mann und Jude, ich will mich bestreben, mit aller Kraft bestreben, die Bitterkeit in meiner Seele gegen Dich, nach und nach zu verdrängen, und ich hoffe