Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1878)
- Date
- 1878-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447790--15507-2471458- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1138 gegraben. ES konnte nicht fehlen, daß bei dieser Gelegenheit die Schäden der Kirche, die Unsittlichkeit, Unmäßigkeit, Unwissenheit so vieler Geistlicher bloßgelegt wurden, daß die Lehrmeinungen geprüft wurden, die bisher für unanfechtbar gehalten waren. So wurde die Reformation vorbereitet. Unter den vielen hochberühmten Männern, welche Reuchlin aus vollem Herzen zustimmten — wir nennen nur Graf Hermann Neuenaar zu Cöln, Konrad Peutinger zu Augsburg, Pirckheimer zu Nürnberg, Eobanus Hessus, Philipp Melanchthon, Ulrich von Hutten — befand sich auch einer, der später das Werk der Reformation zur vollendeten Thatsache gestaltete und die Kirchenspaltung hervorrief, Doctor Martin Luther; er schrieb einen begeisterten Brief an Reuchlin. — Der berühmte Reformator wird uns im Laufe unserer Erzählung noch öfter begegnen; kehren wir jetzt zu dem Helden derselben, zu Rabbi Joselmann, zurück. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß seine Eins-tzung zum Befehlshaber und Regierer der gesammten Judenheil deutscher Nation nichts als ein leerer Titel bleiben würde, wenn es nicht gelingen möchte, die über ganz Deutschland zerstreut wohnende deutsche Judenheit zu organisiren, übernahm Rabbi Joselmaun dies schwierige Werk, noch ehe er in seine Heimath und zu seiner Familie zurückkehrte. Wie konnte er wohlthätig für seine Glaubensgenossen wirksam sein, wenn ihm die Organe zur Durchführung feiner Pläne fehlten? Andererseits war es als eine göttliche Fügung, als ein besonderer Beweis der himmlischen Barmherzigkeit zu betrachten, daß der Kaiser das Zustandekommen einer solchen Organisation begünstigt hatte. Die Zeit, in welche unsre Geschichte fällt, war für die Juden die schlimmste, die traurigste, die man sich denken kann. Wie die Nacht unmittelbar vor Tagesanbruch am Finstersten und Schwärzesten zu sein pflegt, so war das Ende des Mittelalters, unmittelbar vor dem Beginne der neuen Epoche, eine Zeit des Elends, der Trauer und des Schrekkens. Die erste Hälfte di s Mittelalters war ziemlich günstig für die Juden verlaufen. Kaiser Carl, der Große, und seine Nachfolger, sowie die ersten sächsischen Kaiser liebten und begünstigten die Juden; erst zur Zeit des Utzlen sächsischen Kaisers, Heinrichs 11., kamen die Judenverfolgungen auf, die dann vier Jahrhunderte lang sich von Zeit zu Zeit wiederholten. Diese Judenverfolgungen waren aber größtentheils vom Pöbel und von der niedrigen Geistlichkeit ausgegangen, während die Fürsten, Bischöfe, Könige, Kaiser und Päbste meistens die Juden beschützten und vertheidigten. Jetzt, am Ende des Mittelalters, war eine Periode der Judenvertreibungen eingetreten, die vorher ihresgleichen nicht gehabt hatte. Am Schrecklichsten und Bittersten war das in Spanien zu Tage getreten (im Jahre 1492). Während die Juden aus Frankreich und England schon lange zuvor vertrieben waren, stand ihnen ein gleiches Schicksal in Deutschland bevor. Wir haben oben gesehen, mit welcher Leichtigkeit die Stadt Colmar vom Kaiser die Erlaubniß zur Judenvertreibung erhalten hatte; in Nürnberg, Regensburg und vielen andern Städten war diese Erlaubniß nicht allein ertheilt, sondern auch ausgeführt worden; ebenso in Bayern und Württemberg. Der Kaiser hatte den Plan, die Türken aus Europa zu vertreiben; dann hätte er die Glaubenseinheit proclamirt; seine wiederholten Gesandtschaften an den russischen Czar hatten den Zweck, das Schisma in der Kirche zu beseitigen und die Griechisch-Katholischen zur Römischen Kirche zu bekehren; ja, Maximilian wollte, wie wir bereits oben erwähnt haben, selbst Pabst werden; er vermählte sich deßhalb nicht wieder nach dem Tode seiner zweiten Gemahlin. Als Pabst Kaiser wollte er die Kirche reformiren, sie mit ihren heimlichen und offenen Gegnern versöhnen — für die Juden wäre dann kein Raum mehr auf Erden gewesen. Glücklicher Weise war Maximilian wohl der Mann der kühnsten, abenteuerlichsten Pläne, aber nicht der Mann der practischen Durchführung; er ließ feine weitgehenden Absichten durch scheinbar geringe und unbedeutende Dinge durchkreuzen, und seine Begegnung mit Rabbi Joselmann hatte genügt, den Kaiser in Bezug auf die Juden vollkommen umzustimmen. Diese günstige Stimmung mußte benützt werden, und Rabbi' Joselmann beeilte sich, sie zum Heile seiner Glaubensgenossen auszunützen. Er veranlaßte die Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt am Main, eine Gemeindeversammlung zu berufen, damit alle Juden Frankfurts an der Berathung über die künftige Organisation der gesammten Judenheit deutscher Nation Theil nehmen möchten. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'8 Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).