Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1878)
- Date
- 1878-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1135 terte an dem geraden, unbestechlichen Charakter deS „ungebildeten Landmannes." — Absetzen konnte man freilich einen Mann nicht, weil er rückhaltlos seiner jüdischen Pflicht gerecht wurde, aber man verleidete ihm sein Amt derart, daß er später selbst um Enthebung nachsuchte. Inzwischen wurde im Jahre 1857 das Ministerium Hassenpflug entlassen, und Sch esse r' wurde Hassenpflugs Nachfolger. Sofort wurde dem neuen Minister, die inzwischen alt gewordene Synagogen-Ordnung zur Genehmigung unterbreitet. Die Reminiscenzen an das vor 3 Jahre vorher erlebte Fiasko machte das Landrabbinat vorsichtig. „Wenn Bedenken gegen die vorliegende Synagogen- Ordnung auftauchen sollten," bame das ehrwürdige Landrabbinat sofort vor, „so könne man ja ein auswärtiges Landrabbinat darüber zu Rathe ziehen." — Vermuthlich versprach sich das hohe Landrabbinat, von einem ebenbürtigen auswärtigen Collegium, ein mehr symphatisches Votum. Aber es irrte sich auch diesmal Das Ministerium sandte die unter einem so unglücklichen Stern geborene Synagogen-Ordnung an das von Herrn Rabbiner Dr. Cohn verwaltete Mecklenburgische Landrabbinat , welches ebenfalls sein Verbiet über sie aussprach. Seitdem hat das Landrabbinat keinen Schritt mehr gethan, um seine Veilletäten mit staatlicher Sanction zu bekleiden; und daß auf diese Weise den kurhessischen Israeliten alle jene namenlosen Widerwärtigkeiten erspart geblieben sind, die sonst unvermeidlich gewesen wären, verdanken sie nächst Gott, dem wackeren Greise, den uns der Tod jetzt entrissen hat. Diese Art und Weise des Auftretens war nicht eine ihm natürliche in seinem Charakter begründete, sondern eine ihm durch die äußeren Verhältnisse aufgedrängte, die er stets unter Thränen des Dankes gegen Gott erzählte, daß er ihn gewürdigt habe, als sein Werkzeug die Pläne des Leichtsinnes und frivolen Abfalls zu vereiteln. In seinem Privat- und Familienleben, war er bei all diesen von sanftem, friedfertigen, ja leutseligem Wesen. Er war nie reich, genoß aber in feinem Kreise eine seltene Achtung bei Christen wie Juden. Als er sich vor mehreren Jahren ein neues Haus baute, fuhren ihm christliche Mitbürger die nöthigen Steine herbei, und weigerten sich eine Bezahlung dafür anzunehmen. Sie bewiesen aber diese Theilnahme auch keinem Undankbaren. Wo und wann es ihm möglich war. einem Mitmenschen durch Rath und That beizustehen, war er mit Freuden bereit. Ja, er wartete nicht bis die Roth an ihn herantrat, er suchte sie auf und half. Seine größte Freude war dann immer, wenn es ihm gelang, sich als den Wohlthäter zu verheimlichen. Es möge uns gestattet sein, hier einen rührenden Zug echter Nächstenliebe mitzutheilen, der so recht geeignet ist zu zeigen, wie hoch wahrhaft jüdische Humanität über alle confessionelle Schranken erhaben ist. Bensew besuchte eines Tages den Pfarrer des Dorfes und fand ihn sehr niedergeschlagen. Auf sein Befragen zeigte ihm der bejahrte Geistliche eine soeben eingetroffene scharfe Rüge des Consistoriums, weil sich der Pfarrer einer eigennützigen Handlungsweise bei Einlösung eines zur Pfarrei gehörigen Grundstückes schuldig gemacht haben sollte. Thatsächlich handelte es sich um eine Angelegenheit, bei welcher der Pfarrer mit großer Selbstlosigkeit, ja mit Hintansetzung seiner berechtigten Interessen gehandelt hatte. Die Sache war dem Consistorium falsch berichtet, und die so durchaus unverdiente Rüge schmerzte den greisen Geistlichen doppelt tief. Bensew verließ darauf den Pfarrer mit einigen tröstenden Worten, und reiste ohne weiter ein Wort darüber zu sprechen, den Tag darauf nach Cassel, stellte sich dem Consistorium vor, entschuldigte sich, daß er als Israelit für einen Pfarrer zu plaidiren wage, und erzählte wahrheitsgemäß den Hergang der betr. Angelegenheit. Das Consistorium von diesem Acte wahrer Freundschaft gerührt, versprach sofortige Remedur eintreten zu lassen. — Wenige Tage später kommt der Pfarrer in freudigster Aufregung zu Bensew und hält triumphirend einen neuen Erlaß des Consiftoriums in der Hand, welcher die erhobene Rüge zurücknimmt und das Unrecht bedauert, welches ihm angethan worden sei. „Ich möchte nur wissen, fragte der Glückliche, wer die Herren inzwischen aufgeklärt hat?" — Bensew beantwortete diese Frage nicht, als der Pfarrer aber später auf anderem Weg den Hergang erfuhr, mag diese Aufklärung sicher dazu beigetragen haben einen neuen Knoten in das Freundschaftsband der beiden Greise zu schürzen. Ergreifend war die glühende Liebe und Begeisterung , mit welchen er an dem Väterglauben mit jeder Faser seiner edlen Seele hing. Zahllos sind die jungen Leute, deren Herzen er für die mm zu gewinnen verstand. Ihrem Studium gehörten seine Mußestunden. Viele Lehrer Hessens verdanken ihm, ihre Thora-Kenntniß und ihre begeisterte Anhänglichkeit fürs Judenthum, die er so tief einzupflanzen verstand, daß die große Mehrzahl selbst Derjenigen seiner Schüler, welche das Caffeler Lehrerseminar besuchten, während dieses Besuchs die von ihm gelernte Thora nicht vergaßen , und noch heute als gesinnungstüchtige