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Der Israelit · 1878-11-13 · Heft 46 (13.11.1878) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 46 (13.11.1878)
Date
1878-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1134 Besitz des Herrn Rabbiners Dr. Ehrmann in Cassel, der sie uns freundlichst zur Benützung überließ. Bor ca. 24 Jahren, im November 1854 trat das Kurfüstliche Landrabbinat unter dem Präsidium des Herrn Landesrabbiner Dr. Adler zusammen, um eine neue Synagogen-Ordnung ins Leben zu rufen. Das Sekretariat des damals noch sehr regsamen, thatendurftigen Vorsteheramtes wurde von Herrn Dr. Pinhas verwaltet. Der Letztere war als enragirter Reformjude wonniglich bekannt, aber der Schafspelz des Herrn Landrabbiners war damals noch nicht so fadenscheinig und durchsichtig, wie er es im Laufe der Zeit geworden ist. Die Kundigen hatten jedoch den Wolf schon längst herausgewittert. Die neue Synagogen-Ordnung war noch nicht bekannt, sie war ein Geheimniß des Landrabbinats. Man konnte also gegen die noch unbekannte Synagogen- Ordnung kein Bedenken erheben. Sie sollte eben dem kurfürstlichen Ministerium zur Genehmigung vorgelegt, von diesem bestätigt, dann officiell eingeführt und so die jüdische Zukunft der kurhessischen Israeliten in verhängnißvoller Weise entschieden werden; die gesetzestreuen, d. h. fast ausnahmslos alle Israeliten des Kurstaates ahnten mit banger Besorgniß, was ihnen bevorstände, sie fürchteten mit Recht die Einführung dieser neuen Synagogen-Ordnung als den Beginn einer Aera des Abfalls und der Profanisirung unserer heiligsten Heiligthümer. So allgemein diese Befürchtung auch war, so hatte doch Niemand den Muth einen Schritt gegen dieses geplante Attentat zu unternehmen, unter den Tausenden Israeliten des Kurstaates hatte nicht ein Einziger, Angesichts dieser bevorstehenden Vergewaltigung jüdischer Gewissen ein freies Wort, oder gar eine entschiedene Tbat für die gefährdete Gottessache; Keiner außer Heinemann Bensew. Als er in seinem Dörfchen Kenntniß bekam von dem, was der Kurhessischen Judenheit bevorstand, ging er, der einfache, schlichte, unbekannte, jüdische Handelsmann, direct nach Cassel zu dem bekannten Minister Hassenpflug, und trat vor den damals allmächtigen Leiter 'des Karstaates mit der bescheidenen Frage hin: „ob so ein geringer Mann wie er sei, ein hohes Ministerium auf die Gefahren aufmerksam machen dürfe, welche die kurhefsische Judenheit in Folge der neu einzuführenden Synagogen-Ordnung bedrohen?" „Gewiß," erwiderte der Minister, „bei uns gilt nur Wahrheit und Recht, und es ffr uns daher lieb, wenn wir aufmerksam gemacht werden. Wenn Ihr Israeliten Euren Cultus selber zu Grunde gehen lasset, so können wir ihn nicht halten*). Der Minister nahm dann die Auseinandersetzungen des Petenten mit großer Theilnahme entgegen, und forderte ihn auf, sein Anliegen schriftlich einzureichen. — Da aber war guter Rath theuer. Bensew war ein schlechter Scribent, er hatte nur eine gewöhnliche Dorfschulbildung genossen, ein Gesuch an den Minister abzufassen, war er nicht im Stande. Es in Cassel ausarbeiten zu lassen war nicht rathsam, weil zu befürchten war, daß das Landrabbinat etwas davon wittern und das Ganze von vornherein durchkreuzen könnte. Aber er fand Hilfe, da wo sie ein anderer kaum gesucht hätte. Er arbeitete das Gesuch in seiner schlichten Sprechweise aus und der Pfarrer von Malsfeld übernahm die Correctur und Politur des Schriftstücks. Am 30. August wurde es eingereicht, und schon am 2. September erwiedcrt Hassenpflug dem Petenten, „daß sein Gesuch die angemessene Berücksichtigung gefunden habe." Da gegen die noch unbekannte Synagogen- Ordnung eine Remonstration nicht gut erhoben werden konnte, so ging das Gesuch nur dahin, das Ministerium wolle vor der elwaigen Sanctionirung, das Gutachten orthodoxer rabbinischer Autoritäten einhvlen, ob die etwaigen einzuführenden Neuerungen ohne Nachtheil für das orthodoxe Judenthum eingeführt werden könnten. Bon den hierzu vorgeschlagenen Persönlichkeiten, wandte sich das Ministerium an Herrn Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M. Das Gutachten desselben brach natürlich den Stab über die neue Synagogen-Ordnung, ihre Einführung wurde verweigert. Darob große Verblüffung beim Landrabbinat, das von diesen Antecedenzien keinen Ahnung hatte, sondern der Sanctionirung ganz zweifelsohne sicher zu sein glaubte. Als die Herren aber gar erfuhren, daß es ein einfacher Dorfjude, der Malsfelder Gemekndeältcste Bensew war, der einen so dicken Strich durch die landrabbinatliche Rechnung ges macht hatte, da kannte der Unmuth der detr. Herren keine Grenzen mehr. Herr Dr. Pinhas ließ den Attentäter zu sich kommen, und fuhr, als er erschien, mit einer wahren Beserkerwuth auf ihn los, wie er, der ungebildete Landmann, die Dreistigkeit haben könne, auf solche Weise die Pläne des hohen Landrabbinats und Vorsteheramtes zu durchkreuzen u. s. w. u. s. w. Er drohte, ihn seiner Stellung als Gemeindeältester zu entheben, er gab füglich gute, süße Worte, damit der „ungebildete Landsmann" seine Opposition aufgebe; alles schei- *) Diese und andere Unterredungen hat der Verstorbene ausgezeichnet , sie befinden sich unter dem oben erwähnten schriftlichen Nachlaß.

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