Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1878)
- Date
- 1878-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1132 Dein prüfendes Auge das Körnchen Wahrheit darin schon herauSfiaden. Vergleiche Dich mit Andern, die Du hochschätzest und liebst, und suche ihre Vorzüge auch zu den Deinigen zu machen. Ohne Selbslerkenntniß ist kein Heil. Nie wird der nach dem Arzte fragen, der nicht glauvt, daß er krank sei. und nie wird der von seinen Unordnungen zurückkommen, der sich über seine Fehler nicht klar geworden. Siebe, Abraham, unser Vater, der schon in früher Jugend für G tt sein Leben gewagt, der eine Reihe von Versuchungen siegreich überwunden, der edle, hilfreiche Freund, der große Held, welcher vier siegreiche Könige überwunden, der reiche Mann, der zahllose Heerden und 31-i Sclaven sein einen nennt, der große Wohlthäter, der Gastfreundschaft und Wohlthätigkeit im großen Style übt, der weise Lehrer des Menschengeschlechts, der göttliche Prophet, der hingebende. fromme, vollkommene Diener des allmächtigen Gottes, sagt von sich: „ich bin nur Staub und Asche- — und wir sollten uns üverheben und durch Stolz auf unsere geringen Vorzüge unsre Vervollkommnung hindern? Literarischer Aericht. Jahres-Bericht des Rabbiner-Seminars für das orthodoxe Judenthum pro 5638 (1877— 1878). Voran geht eine Abhandlung von l)r. D. Hoffmaun: „Der oberste Gerichtshof in der Stadt des Heiligthums." Berlin. Es ist ein freudiges, herzerhebendes Bewußtsein. von der fortschreitenden glücklichen Entwickelung eines Unternehmens berichten zu können, das wie kaum etwas anderes geeignet ist, die ungebrochene Lebenskraft zu manifestiren. mit welcher das gesetzestreoe Judenthum der Gegenwart in so reicher Fülle ausgestattet ist. Jeder neue Jahresbericht des Rabbiner-Seminars für das orthodoxe Judenthum zeugt von einem so wesentlichen Fortschritt der jungen Anstalt nach jeder Seite hin, daß sie selbst dem verbissensten Gegner Achtung und Anerkennung abringt.*) DoS Seminar besuchten im verflossenen Jahre 23 Hörer, welche sich aus Deutschland, Rußland, Ungarn und Holland recrutirten. Das Vertrauen jüd. Gemeinden wurde auch in diesem Jahre der Anstalt durch die Wahl von Rabbinern zu Theil, die aus dem Seminar hervorgegangen waren. Dem Berichte des Rectors an das Curatorium entnehmen wir ferner erfreuliche Bereicherungen und Vervollkommnungen, w7lche die Lehrwirksamkeit und Organisationsthätigkeit am Seminar innerhalb des vergangenen Jahres erfuhren. So ist eS gelungen, in Herrn Landrabbiner Dr. Cohn in Berlin eine glänzende Vertretung für theoretische und practische Homiletik zu finden, der bereits seit dem vergangenen Wintersemester in uneigennütziger Hingebung die Leitung dieser Disciplin übernommen hat. — In diesem Jahre hatte sich auch zum ersten Male der Gymnastalunterricht der unteren Abtheilung zu erproben. Die Probe fiel glänzend aus. Ein bis zur Oberprima am Seminar vorbereiteter Schüler bestand mit Auszeichnung sein Abiturientenexamen und hat bereits seine Universitätsstudien begonnen; zwei weitere Schüler werden im nächsten Semester ihr Examen machen. Auch im vergangenen Jahre betheiligten sich neben den ordentlichen Hörern des Seminars auch mehrere nicht theologische (?) Studenten mit Eifer an den Vorlesungen und insbesondere an den talmudischen Vorträgen. Die zwei in diesem Jahre neu aufgenommenen Hörer hatten beide sowohl die Maturitätsprüfung bestanden, als auch in der talmudischen Vorbildung die genügende Reife; daneben wurden Einige vorläufig als Hospitanten zugelassen. Hand in Hand mit dem inneren Aufschwung der Anstalt geht auch das von Jahr zu Jahr wachsende Interesse, welches die zeitgenössische Judenheit, und besonders die gesetzestreuen Elemente derselben für die junge Anstalt an den Tag legen. Der sehr detaillirte Rechenschaftsbericht gewährt einen interessanten Einblick in die wahrhaft großart ge Betheiligung, deren sich diese Pflanzstätte des orthodoxen Judenthums erfreut. Die zahlreichen Mitglieder des Seminarvereins recrutirten sich nicht nur aus fast allen europäischen, sondern selbst aus transatlantischen Ländern; und diese allgemein freiwillige Opferfreudigkeit, der das Rabbinerseminar seine Entstehung und seine glückliche Fortentwickelung verdankt, bezeugt am besten sein Bedürfniß, und die treffliche Art und Weise, wie es demselben gerecht wird. Das Verzeichniß der Jahresbeiträge und Speu- *) So spricht sich die von Herrn Dr. Philippson redigirte „Zeitung des Judenthums", deren Redacteur man sicherlich keine krankhafte Vorliebe für die Institutionen des orthodoxen Judentums nachsagen wird, sehr anerkennend über die Fortschritte aus, die der vorliegende Jahresbericht verzeichnet.