Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1878)
- Date
- 1878-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1118 | Reb Zodok Erdmann, ein ruhiger, wohlwollender j Mann hatte ihm mit schlichten Worten gesagt, daß! er sich gar keinen bessern Schwiegersohn wünschen würde, aber daß er schon zu spät'komme, daß seine I Tochter und sein Buchhalter, Simon Neding, ihm Jahrj ihre gegenseitige Neigung gestanden, und er diese! billige, — aber Erdmann lud Oppert ein. seine frühere freundschaftlichen Beziehungen zu ihm aufrecht zu erhalten, und den Verkehr mit ihm in $ e n U I < i o iti Simon Keding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Hunderts von 8. Molin. (Verfasser von „Gabri e l".) (Fortsetzung.) So war nach einer schlaflosen Nacht, der Dienstag, — es war der zweite Tag Chanuko — angebrochen", Neding und Erdmann entfuhr ein Ruf der Ueberraschung. beide stießen wie aus einem Munde, ein lang gezogenes „Ahh!" hervor. Tarnower bemerkte dies nicht und fuhr fort: „Die Begebenheiten dieses Tages sind mit unverlöschbarer Schrift in meine Seele gegraben, jedes Wort, das ich damals gesprochen und gehört, lebt ungeschwächt in meiner Erinnerung, und würde meinem Gedächtnisse nie entschwinden, auch wenn ich noch tausend Jahr leben sollte! .... „Ich war Morgens in der Synagoge gewesen, aber meine Lippen bewegten sich beim Gebete nur mechanisch, der Helle Jubel des Hallelgebetes paßte nicht zu meiner düstern Stimmung, und als ich zu der Stelle gelangte: se hajom oßo haschem, nogilo wenißmecho wo153) bedurfte ich des Aufgebotes aller meiner Kräfte, um die aufsteigenden Thränen gewaltsam zu bekämpfen. Wie im Fiebertraume wankte ich von der Synagoge in meine Wohnung, von dieser später nach dem Frühstücke in mein Comptoir. Dort saß ich in meinem Cabinete allein, stumm, rathlos, verzweifelnd, als etwa um dreiviertel auf zehn Oppert eintrat." „Wo bleiben Sie heute so lange? frug ich ihn, bloß von dem Bedürfnisse geleitet, die unheimliche Stille durch ein Wort zu unterbrechen.^ „Ich war bei Reb Zodok Erdmann", hatte er geantwortet, — der besitzt das, womit uns geholfen wäre, er hat mir ein Packet von zwölftausend Gulden gezeigt!" Ich wußte, daß Oppert in seinen freien Stunden oft Reb Zodok Ecdmanns Haus besuchte. Er ging viel mit dessen Sohn Markus um, obwohl dieser viel jünger als er war, aber dessen Schwester Wilhelmine war ursprünglich der Magnet gewesen, der ihn angezogen hatte. Diese war ein liebenswürdiges schönes Mädchen, Erdmann ein wohlhabender Mann, der seiner Tochter ein Paar tausend Gulden Mitgift geben konnte, und Oppert hatte um ihre Hand geworben. 153) Diesen Tag hat Gott erschaffen, laßt uns jubeln und frohlocken an ihm! gewohnter Weise fortzusetzen und Oppert hatte dieser Aufforderung auch Folge geleistet, sein Benehmen gegen die Erdmann'sche Familie nicht geändert, und pflegte an Winterabenden oft mit dem alten Erdmann, durch eine Parthie Schach oder ein Kartenspiel die Zeit zu vertreiben. Es war mir daher nicht auffallend, daß Erdmann an Oppert diese vertrauteste Mittheilung gemacht hatte. Ich zuckte die Achsel, — was hätte ich auch auf Opperls Bemerkung zu sagen gehabt? — und versank wieder in düsteres inbrüten, kaum aber war wieder eine Viertelstunde verflossen, als an der kleinen zweiten Thüre meines Sprechzimmers geklopft wurde. Mein Cabinet besaß nämlich zwei Thüren, eine, die in das anstoßende, große Comptoir, in welchem meine Commis saßen; und eine zweite, welche in der Regel verriegelt war. und zu einer Nebenstiege führte. Diejenigen nämlich, welche aus irgend einem Grund beabsichtigten mich zu sprechen, ohne im Comptaire gesehen zu werden, benutzten diesen Aufgang. Ich entriegelte die Thüre, und zu meiner großen Ueberraschung trat Red Zodok, offenbar in einem Zustand hoher Erregung bei mir ein. Oppert wollte das Zimmer verlassen, aber Erdmann sagte: „Bleiben Sie Herr Oppert, Sie sind ja mein alter, guter Freund, vor dem ich kein Geheimniß habe. Es handelt sich nämlich um Folgendes: Ich habe zur Judensteuer ein anständiges Vermögen angegeben, ich zahle ganz gehörig Maß 154), aber der Staat verlangt, wie Sie eben so gut wissen als ich — ohne alle anderen Giebigkeiten — jährlich sechszehn Procent vom Vermögen, und ich bin herzlich froh, wenn ich mit meinem Capitale mit großer Mühe und Arbeit, mit Plage und großer Anstrengung, in meinem Geschäfte, acht, neun, wenn es besonders gut geht, zehn Procent gewinne; — wenn ich richtig fatiren würde, müßte ich — das läßt sich ja ganz genau vorausberechnen, eben so wie jeder andere böhmische Jude, der sein Vermögen genau anged"n wollte, — ein Bettler werden. Ich habe nun aus halb zwölf eine Vorladung zur Steuerbehörde, ohne Zweifel wird man 154) (Steuer, damals ttt Prag zumeist, im engeren Sinne von der Zudensteuer gebraucht.