Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1878)
- Date
- 1878-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1114 spart Eure HöflichkeitSbezeugungen; ich weiß doch, daß Ihr mich in Euren Herzen verwünschet und verflucht." Die Vorsteher schwiegen und nahmen ihre Sitze wieder ein. Auch Pfefferkorn nahm einen Stuhl und setzte sich. „Da sind ja die Herren alle beisammen, die Vorsteher der ersten jüdischen Gemeinde der Welt! da ist ja auch einer Eurer Heiligen, der fromme Rabbi Löb von Emmerich. Wie hat solch ein Heiliger sich dazu bewegen lassen, sich um die irdischen Angelegenheiten der Gemeinde zu bekümmern?" „Hätte ich gewußt", sagte Rabbi Löb im aufsteigenden Zorne, „daß ich als Parneß b) mit einem Meschummod reden müßte, ich hätte das Parnoßus nicht angenommen." Da ging Pfefferkorn auf ihn zu und spuckte ihm ins Gesicht. Rabbi Löb nahm sein Taschentuch und trocknete sein Antlitz; dann sagte er ruhig: „Den Flecken kann ich mir schon abwischen. Euren Flecken werdet Ihr Euch niemals abwischen können." Pfefferkorn wurde roth vor Zorn. Er holte mit der Hand aus, um nach Rabbi Löb zu schlagen. Allein er bezwang sich. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, sagte er: „„Habt Ihr mein Anerbieten überlegt?"" „Wie können eine so hohe Summe nicht erschwingen", antwortete der Vorsitzende. „„So will ich mich mit fünfzigtausend begnügen!"" „Auch das ist zu viel." „„So bietet weniger."" „Wir können jetzt gar nichts bieten. Wir haben Umfrage gehalten in der Gemeinde: Niemand will dazu beisteuern." „„Ich meine doch gehört zu haben, der reiche Simon Günzburg wolle aus eigenen Mitteln eine große Summe hergeben?"" Die Vorsteher schwiegen. „„Ich rathe Euch"", sagte Pfefferkorn, „„daß Ihr Euch gütlich mit mrr abfindet. Ihr wißt, wie hochangesehen ich beim Kaiser bin, so daß Euch selbst die Fürsprache des ersten deutschen Neichsfürften, des Kurfürsten von Mainz, nicht viel genützt hat. Gebt mir 10,000 Goldgulden, und ich will Euch Eure Bücher zurückgeben."" Die Vorsteher sahen einander an; sie waren geneigt, auf den Vorschlag einzugehen. Da wurde die Thüre ungestüm aufgerissen. „Rabbi Joselmann!" riefen die Vorsteher wie aus einem Munde. „Ich komme doch nicht zu spät?" fragte dieser, „Ihr habt doch mit dem da noch nichts abgemacht? Ich habe soeben beim Schultheißen ein mandatum regium abgegeben, welches verordnet, daß man Euch sofort die heiligen Bücher zurückgebe." „„Und wer ist"" fragte Rabbi Jakob, „der Befehlshaber und Regierer, den uns der Kaiser eingesetzt hat?" „S^ine Kaiserliche Majestät haben mich in diese hohe Würde einzusttzen geruht." „Gelobt sei Gott", riefen die Vorsteher, „der Seine Gnade dem Hause Israels nicht entzogen hat." Pfefferkorn hatte bis dahin wie erstarrt dagesessen. Jetzt sprang er auf und schrie: „Seid Ihr nicht der Proselyt Raphael aus Colmar?" „Nein", antwortete Rabbi Joselmann lächelnd, „der bin ich nicht; ich heiße Joselin und bin ein Jude aus Nosheim." „ „So habt Ihr mich betrogen! Ihr habt mich bestimmt, die Einmischung des Kurfürsten von Mainz zu veranlassen und habt so alle meine Pläne vereitelt. Jh werde mich an Euch zu rächen wissen!"" Er stürzte hinaus. Und nun mußte Rabbi Joselmann erzählen, und als er berichtete, wie er, so ganz nebenbei, von der Gemeinde zu Colmar das schreckliche Loos der Vertreibung abgewendet habe, da rief Rabbi Wolf Spiro begeistert: „Rabbi Joselmann, Ihr seid der erste, der beste, der vorzüglichste Mensch der ganzen Welt. Nur einen Fehler habt Ihr!" „O, sagt ihn mir," entgegnete Rabbi Joselmann, „damit ich mich bemühe, ihn abzulegen." „„Der einzige Fehler, den Ihr habt, ist der, daß Ihr kein Frankfurter seid."" — „Das ist allerdings ein Fehler, den ich nicht ablegen kann", antwortete Rabbi Joselmann lächelnd. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zw-i Beilagen. 9) Vorsteher. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).