Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-10-30 · Heft 44 (30.10.1878) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 44 (30.10.1878)
Date
1878-10-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447788--15462-2471411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1091 stellte es sich heraus, daß die Größe der Lager in keinem Verhältnisse zu dem Bedarfe stand; Jeder drängte sich -zum Verkaufe, die Preise fielen rasch und stetig in einer früher ungekannten Weise, und um die Peinlichkeit der Situation noch wesentlich zu erhöh-n, war gleichzeitig in den Fabrikorten eine große allgemeine Crisis eingetreten, so daß man gar nichts abzusetzen vermochte, und zahlreiche große Fallimente ausbrachen. Ich war gezwungen , zu einer Zeit wo baares Geld knapp wurde, viele nothleidende Wechsel einzulösen und plötzlich erkannte ich, daß eine entsetzliche Crise über mich hereingebrochen war. Ich besaß einen ungeheuren Vorrath an Waaren, die jetzt werthlos schienen, wenigstens in dem Momente völlig unverkäuflich waren, und hatte auch meine eigenen Accepte, die jetzt fällig wurden, einzulösen. Ich und Oppert, wir beide boten Alles auf. um meine schwankende Firma zu erhalten, und es war noch ein großes Glück, daß Niemand eine Ahnung von dem Umfange meiner mißlungenen Spekulation, von meinen riesigen Verlusten hatte, daß Niemand vermuthete, daß meine kaufmännische Existenz, meine Ehre an einem dünnen Faden hing, der jeden Tag, jede Stunde zu reißen drohte. Ich durchlebte damals eine Zeit unbeschreiblicher Erregung, unsäglicher Leiden. Vorerst schmerzte mich, offengestanden, der Verlust meines Vermögens; mein Vater, mein Großvater, meine ganze Familie, vater- und mutterseits, waren stets reiche Leute gewesen, ich hatte nie drückende Lebenssorgen, nie den Kampf um das tägliche Brod gekannt, und sollte nun plötzlich ein Bettler werden, vielleicht gezwungen sein, mein Brod an den Thüreu derer, an denen ich oft in stolzem Uebermuthe achtlos vorübergegangen, zu erbetteln, — an großen Rrichthum gewöhnt, lag mir in dem Momente fiebernder Aufregung der Gedanke fern, daß ein Mensch sich auch ohne Vermögen erhalten könne. Aber ich schwöre es bei dem allmächtigen und allwissenden Gotte — und an der Schwelle der Ewigkeit und angeweht von den Schauern des Todes, lügt man nicht — der Gedanke war für mich in dem wilden Fiebesturme, der mein krankes überreiztes Hirn durchraste, noch der am wenigsten quälende, ich hatte eine Tochter und zumeist um ihretwillen, um für sie Geld und Gut zu gewinnen, hatte ich mich in Speculationen eingelassen, die meinen Reichthum verschlungen hatten — und nun sollte mein Kind arm werden, mein Kind, das mir das Theuerste, das Höchste auf Erden, für das ich willig alle erdenklichen Opfer gebracht hätte; — aber ich rufe wiederholt Gott, den Allwissenden, zum Zeugen der Wahrheit an — die furchtbare Entsetzlichkeit dieses Gedankens, begann bei längerem Nachdenken zu verblassen, und ich hatte mich nach und nach mit diesem vertraut gemacht, mich an ihn gewöhnt — es gab ja doch genug arme Menschen und vermögenslose Familienväter in der Gemeinde; aber — Eines erschien mir entsetzlich, furchtbar! Der Verlust meiner Ehre! Nicht zahlen können, ein Bankrotteur zu sein, andern das vorenthalten zu müssen, was sie an mir zu fordern berechtigt, das war ein Bild, das meine Seele mit tiefer Bitterkeit, mit wahnsinniger Aufregung erfüllte .... ich glaubte, ich müsse den Verstand verlieren, — ich durchwachte Nächte, ich weinte, wie ein kleines Kind! .... Trotz aller dieser Seelenqualen war ich mit Oppert fortwährend damit beschäftigt, mich nothdürftig von einem Tage zu dem andern zu fristen, und wenn es uns unter unsäglichen Anstrengungen gelungen war, die felsenhohen Schwierigkeiten, die sich-uns jeden Tag von Neuem entgegenthürmten zu bewältigen, schöpfte ich für kurze Augenblicke wieder neue Hoffnung, neuen Muth — um bei der nächsten auflauchenden Schwierigkeit, um so tiefer in Verzweiflung zurückzusinken, dabei mußte ich noch stets die Maske der Heiterkeit und Ruhe tragen, denn außer Oppert und meiner Schwester Fanni hatte kein Mensch auf Gottes weiter Welt eine Ahnung, von dem was in meinem Innern wüthete." „Ihr müßt viel gelitten haben, armer Mann!" sagte Rabbi Michael milde. „Habt Dank Rabbi, für dieses schöne Wort .... Gott möge es Euch tausendfach lohnen! — ich hatte gefürchtet, Ihr überirdischer Mann, mehr einem Engel als einem Menschen ähnlich, würdet kein Verständniß für die Leiden des praktischen Lebens haben." „Fahrt fort, Reb Abrohom!" drängte der Rabbi. „Vierzehn Tage lang hatte schon das schwere Ringen mit dem Mißgeschicke gedauert; ich hatte mit bewunderSwerther Zähigkeit und von dem genialen Oppert unterstützt, auch mit vielem Geschicke für meine Existenz, für die Ehre meiner hundertjährigen Firma gekämpft, aber ich hatte nun alle meine Hilfsquellen vollständig erschöpft, — und es war an einem Montag, als wir, Oppert und ich erkannten, daß wir für eine Zahlung von Zehntausend Gulden, die übermorgen zu leisten war, nicht zweihundert Gulden in der Caffe hatten. Von diesem Tage, hing meine, meines Kindes Zukunft, meine Existenz, meine Ehre — Alles, was dem Menschenleben Werth verleiht, ab; — wurde es mir in irgend einer Weise möglich, übermorgen meinen Wechsel einzulösen, so war ich —- gerettet, ja, konnte doch noch Alles gut werden! — aber eS schien mir, als wenn es dafür gar keine Mög-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.