Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1090 sich als an die Andern gerichtet, versank dann eine kurze Zeit in schmerzliche Erinnerung endlich fuhr er fort: „Oppert ist ein eben so genialer als niederträchtiger Mensch, der klug und gewandt genug war, die erste Zeit, so lange er in meinem Hause noch nicht festen Fuß gefaßt hatte, nur seine glänzenden Eigenschaften zu zeigen, mir aber seine häßlichen Triebe zu verbergen. Opperts langjähriger Aufenthalt in den deutschen Handelsstädten, seine genaue Kenntniß der Bezugsquellen kam mir vortrefflich zu statten, und es gelang ihm bald, in geschäftlicher Beziehung einen großen Einfluß auf mich zu gewinnen, und der erste Jahresabschluß wies ein bei weitem günstigeres Resultat auf, als dies je seit dem Bestände meiner alten Firma der Fall gewesen. Ich erhöhte sein Gehalt in der Art, daß es in Prag keinen Handlungsbediensteten gab, der so vortheilhaft gestellt war, als er. .Allein während er sich vollkommen in mein Vertrauen einzuschleichen wußte, war er selbst ein verschlossener, heimtückischer Mensch, der sich stets mit Geheimnissen umgab. Er mußte in seinen Freistunden noch irgend eine Nebenbeschäftigung treiben, die ihm ein großes Einkommen verschaffte, denn trotz seiner Heimlichthuerei konnte mir dies doch nicht entgehen, da sich sein Vermögen in weit größerem Maße vermehrte, als dies durch seinen Gehalt allein möglich gewesen wäre. Meine Fragen hierüber beantwortete er ausweichend, aber da ich ihm in Bezug auf seinen Eifer und seine Thätigkeit in meinem Geschäfte keinen Vorwurf machen konnte, hatte ich auch kein Recht weiter in ihn zu dringen. Später als ich die ganze Niederträchtigkeit seines Charakters kennen lernte, erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß er der Steuerbehörde über die Vermögensverhältnisse mancher Gcnieindemitglieder Aufschluß gab, ja in seiner Nichtswürdigkeit so weit ging, anzngeben, wo Einer oder der Andere sein Vermögen verwahrt hatte, so daß die Steuerbehörde bei plötzlichen Ueberfällen, wie diese leider auch jetzt noch immer nicht aufgehört haben, geheime Verstecke aufgefunden, und mancher brave Familienvater an den Bettelstab gebracht wurde. Oppert bezog wohl für seine Denunciationen, den ihm durch das Gesetz zugesprochenen Antheil des confiscirten Vermögens, aber wie ich schon erwähnt habe, hatte ich damals keine Idee von seinem schändlichen Nebengewerbe. Das zweite Jahr seiner Dienstzeit in meinem Hause gestaltete sich für mich noch weit günstiger. Auf Opperts Anrathen hatte ich in einem Jahre zwei glänzende, vollkommen gelungene Spekulationen in Indigo und Baumwolle ausgeführt, und mein Vermögen hatte sich! in diesem Jahre geradezu um die Hälfte vermehrt j Mtd ich hatte dies ausschließlich Opperts Rathe und seinen vortrefflichen Ausführungen zu danken. In dem dritten Jahre proponirte mir Oppert neuerdings eine große Waarenspeculation, und bei dem blinden Vertrauen, das ich in ihn setzte« willigte ich nicht nur unbedenklich ein, sondern überließ ihm auch die ganze Leitung des Unternehmens, das in großartigstem Maßstabe ausgeführt werden sollte. Es wurden riesige Quantitäten Indigo, wie noch nie vorher bestellt, so daß mein bedeutendes Vermögen zum Ankäufe nicht hinreichte, und ich noch Accepte an Londoner, Hamburger, Bremer und Lübecker Häuser ausstellen mußte. Dieses Geschäft, das nach Opperts Berechnung und Voraussagung einen colossalen Gewinn abwerfen mußte, war wie jener sich ausdrückte, mit der äußersten Anspannung aller Kräfte ausgeführt worden." ' Tarnower machte wieder eine jener in seinen Erzählungen oft wiederkehrenden Pausen. Reding und Erdmann waren im höchsten Grade auf die weitere Entwicklung gespannt, aber sie wagten es nicht, den Kranken'aufzufordern, rascher an'S Ziel zu gelangen; aber Rabbi Michael schüttelte wie in leichtem Unwillen sein schneeweißes Haupt, er mochte wohl befürchten Tarnower — dessen Stimme zwar noch imm.r kräftig klang, könne doch ermüden, oder plötzlich von Schwäche, von dem beginnenden Todeskampfe, der vom Arzte prognoscirt war, ersaßt werden, und er öffnete schon seine Lippen zu dem Wunsche, Tarnower möge alles Unwesentliche übergehen, aber Rabbi Joel Pikwer hatte an dem leichten Aufzucken und dem leisen Lippenspiel des Rabbi dessen Gedanken errathen, und er sagte leise, nur diesem vernehmlich lakonisch; Rabbi! Io ßachßom! Der Angesprochene blickte erstaunt auf, aber er hatte zu der Weltklugheit des berühmten Mannes unbeschränktes Vertrauen, und er unterdrückte das Wort, das auf seiner Zunge schwebte. Tarnower fuhr sich mit der gesunden linken Hand über die Stirne, an der heile Schweißtropfen standen, und nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf, aber der Ton seiner Stimme, ward dumpfer, sie zitterte schon ein wenig. „Aber diese Speculation schien total mißlingen zu wollen. Ohne Zweifel hatte man auch an andern Orten eine rapide Steigerung des Indigo erwartet, und gleich mir hatten sich auch andere Großkaufleute mit ungewöhnlich starken Vorrathen versehen, und beim Eintritt der Verkaufssaison 152) Tu sollst ihm nicht den Mnnd verschließen! ein biblischer Satz, der von dem dreschenden Achsen gesägt, aber sehr och anch bildlich angewandt wird.