Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Wochentagen. Tarnower hörte wie alle Anwesenden andächtig zu, und sprach ein lautes Amen; — er wußte, daß er das letztem«! in diesem irdischen Leben vom Sabbate, ja, von jenem selbst Abschied nehme! Nachdem diese Ceremonie beendet, rief Rabbi Michael: „Nun aber, Reb Awrohom, sprecht! Jetzt wollen wir Euch ohne Unterbrechung anhören; und noch Eines, bevor Ihr beginnt, — laßt Nebensächliches bei Seite, damit Euch das Reden nicht übermäßig anstrenge, und laßt uns nur das Nothwendige hören." „Der Rebbe glaubt wohl, meine Kraft würde zu einer langen Mittheilung nicht ausreichen, der Tod tonnte mich früher überraschen, bevor ich..." „Ich bin muftoch U9j,u enigegnete Rabbi Michael, „daß Euch Gott boruchhu, die Kraft dazu verleihen wird, habo letaher, meszajim oszo 15°) . . . nun aber sprecht, und Ihr beiden Männer," der Rabbi wandte sich an Reding und Erdmann, „tretet näher, denn offenbar handelt es sich um Etwas, was auch Euch betrifft." Die beiden Rabbiner hatten ihre Stühle neben das Bett gerückt, und auch die beiden andern Männer stellten sich hart an dasselbe, ihre Züge und ihr tiefes Athemholen bewiesen, mit welche hohem Grade von Spannung und Erregung sie den Enthüllungen entgegensahen, welche ihnen die nächste Zukunft bringen sollte. Tarnower begann zuerst befangen, leise, dann aber deutlicher und vernehmbarer. „Schon seit mehr als sieben Jahren nagt ein Wurm an meiner Seele, und ich kann wohl sagen, ich habe von dieser Zeit an nicht eine Stunde ruhig gelebt, nicht einmal im Schlafe die Erholung gefunden, welche der wohlthätige Schlummer Jedem, auch dem Elendesten, auf Erden zu bringen pflegt; — schon tausendmal stand ich auf dem Punkte, mein zerquältes Gemüth durch ein reumüthiges Geständniß zu entlasten; aber meine Seele war muthlos, war feige geworden, ich fand nicht mehr die Kraft in mir, mich aus dem Pfuhle der Sünde aufzuraffen. Wenn ich mit riesigen, unschildbaren Anstrengungen den Versuch wagen wollte, warf mich ein Sched*'°") in Menschengestalt, jener Schurke, der mich zum Verbrechen gelockt, — unbarmherzig wieder zurück. Durch die That eines Momentes, in dem ich an Gott den Allwissenden vergessen, hatte ich diesem Schurken Macht über meine Seele gegeben, er unterjochte meinen .... bessern Theil, er kettete mich, — ich war ihm ge- 149) überzeugt. 150) Wer sich entsühnen will, der wird dabei unterstützt. 151) böser Dämon. 1063 genüber ein schwacher Wurm, — der NichtSwürdige spottete meines ohnmächtigen Zornes! . . . . Ich litt mehr, als Menschenwort zu schildern vermag, — aber in den letzten Tagen hatten sich meine Leiden zur vollen Unerträglichkeit gesteigert — schon wieder war ich neuerdings fest entschlossen, der endlos langen Qual ein Ende zu machen, — aber im entscheidenden Momente ward ich wieder muthlos — da ... . da fanote mir endlich Gott einen Boten, einen strafenden und rettenden, einen verwundenden und erlösenden Engel! Der Rabbi" — Tarnower beutete auf den Mochiach — war nach Prag gekommen und Alles strömte in die Synagoge, den Mann zu hören, dem Gott der Herr die Macht gegeben über die Menschenherzen, dessen lebendig sprudelndes Wort die Menschen erschüttert, bewegt, tröstet, erquickt, je nachdem der Mensch eben gelebt hat. Der ewig einzige Gott, gelobt sei Er, der gnadenvoll und huldreich auch auf das letzte, das unwürdigste seiner Geschöpfe herabschaut, wollte nicht, daß ich dahin ginge in der Ueberfülle meiner Sünden, er sandte Rabbi Joel Pickwer, und legte auf seine Lippen jene Worte, die mein Herz zerschmetternd trafen, wie der zündende Blitz die zerberstende Eiche. Sein wunderbar wirkendes Wort, das meinen morschen Leib zerschlug, erweckte mir die Seele, und während die zur höchsten Steigerung gebrachte Gewissensqual das leichte Band, das Geist und Körper zusammenhält, lockerte, fielen auch die Fesseln, die Jenen gefangen hielten, — ich fühlte es, mir naht der Tod, um mich von den Qualen des irdischen Lebens zu erlösen, und wenn ich jene, des ewig endlos langen Seins mildern wollte, mußte ich vor meinem Scheiden mein Bekenntniß, mein Geständniß ablegen, — und ich danke Gott dem Allbarmherzigen, daß er mir -ie Gabe der Sprache und der Erinnerung gelassen , um vor meinem Ende noch gut zu machen, was in den Kräften eines schwachen Menschen steht." Tarnower machte eine Pause. „Laßt lieber alle Umschweife weg," meinte Rabbi Joel, „kommt zur Sache!" „Ihr habt Recht, Rabbi! ich will zur Sache kommen .... Ich hatte von me nem Vater ein großes Vermögen, ein blühendes Geschäft, einen ehrenvollen Namen geerbt, und nachdem ich. wie das durch Gottes Barmherzigkeit in die Menschennatur gelegt ist, den Verlust meines würdigen Vaters verschmerzt hatte, war ich ein glücklicher, zufriedener Mann geworden. Gott hatte mich reich gesegnet, nicht nur mit irdischen, auch mit höhern Glücksgütern, ich hatte ein braves, gutes Weib, ein herziges Töchterlein, Gott erhalte diese, verleihe ihr seinen reichsten Segen! — Plötzlich, un-