Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1062 gottesdienstlichen Gebrauche zu erbauen; die aus zahlreichen und wohlhabenden Mitgliedern bestehenden Gemeinden in Eisenach, Gotha und Meiningen haben sich bis zu diesem Opfermuthe noch nicht erheben können. Wie erbärmlich erscheint die kleinliche, materielle Denkweise unserer jetzigen Generation gegen die begeisterungsfähigen Gesinnungen früherer Geschlechter! Die Coburger Israeliten zählen zu ihren Angehörigen zwei Commerzienräthe und 1 Geheimen Commerzienrath Auf Veranlassung des Herrn Lehrers Oppenheim alldort hat sich vor einiger Zeit ein israel. Frauenverein zu wohlthätigen Zwecken in Coburg gebildet, der sich bereits einer zahlreichen Mitgliedschaft erfreut und eine ersprießliche Wirksamkeit entfaltet. In Eisenach hat das Gemeindestatut, das langjährige Streitobject zwischen Synagogenvorstand und Landrabbinat, endlich die landesherrliche Genehmigung erhalten, jedoch mit dem wohlweislichen Zusätze: „Bis auf Weiteres und unter dem allgemeinen Vorbehalt der dem Großherzoglichen Landrabbiner über die jüd. Schulen, Synagogen, milden Stiftungen und Armenanstalten gesetzlich zustehenden Aufsicht, wie des Aufsichtsrechts der Großherzo,liehen Aufsichtsbehörde und des Großherzoglichen Staatsministeciums." Hoffentlich werden sich auf Grund dieses Zusatzes die dem Statute noch anhaftenden Mängel weniger fühlbar machen lassen. Am zweiten Tage n"-i wurde hier Frau vr. Heß, Wittwe des verstorbenen Landrabbinen vr. Heß, begraben. Sie war in Halle an der Saale gestorben, ihre Leiche wurde aber, vermuthlich vorher geäußertem Wunsche gemäß, per Bahn hierher gebracht. Feuilleton. Simon Aeding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von §. Kolm. (Verfasser von „Gabrie l".) (Fortsetzung.) Rabbi Michael blickte überrascht auf, Rabbi Joel, der große Menschenkenner, der scharfblickende Mann schien vollkommen richtig combinirt zu haben; aber bevor er noch etwas zu erwidern vermochte, begann sich der Kranke zu regen und indem er seinen Blick über die Anwesenden schweifen ließ, frug er: „Sind alle Jene anwesend, um deren Gegenwart ich bitten ließ?" Rabbi Michael ergriff das Wort. „Alle, die Ihr rufen ließt, sind da, ich, Michael Bacharach, unser werther Gast Rabbi Joel Pikwer, der heute in der Klaus durch seine herrliche Mussardrosche die Herzen aller seiner Hörer erschütterte, da steht Simon Reding, der vor wenigen Tagen aus langjähriger Kerkerschaft heimkam, und dort Markus Erdmann. Ihr seid doch Eurer Sinne voll bewußt? Ihr kennt die Namen alle und die Männer? aber auch Eure Frau, Tochter und Schwester sind anwesend, wollt Ihr, was Ihr uns mittheilen wollt, in ihrer Gegenwart sprechen, oder wünscht Ihr, daß die Frauen in das Nebenzimmer treten?' „Auch diese werden es erfahren müssen, doch wünsche ich nicht, daß sie mein Bekenntuiß aus meinem Munde hören, es wäre dies zu bedrückend für mich!" Der Kranke stöhnte schmerzlich auf. „Thut. wie der Rabbi sagte," wandte er sich nun an seine Familie, „geht hinüber in Eure Zimmer — wenn ich meine Seele vor diesen Männern erleichtert haben werde, spreche ich mit Euch dann beruhigter und leichter." Still weinend verließen die Frauen die Stube. „Tretet näher, Morai werabossai!" sprach nun Tarnower, „ich sehe Euch nicht recht, ist es schon Nacht, oder beginnt es schon zu dunkeln vor meinen Augen?" „Es ist schon Nacht," erwiderte Rabbi Michael, „und ich möchte doch, bevor Ihr von Dingen sprecht, die sich vielleicht auf Irdisches beziehen, mawdil sein 146). Maier147) Erdmann, geht zu den Frauen, sie möchten uns Lichter, Wein, Gewürzbüchse und die Awdoloh"^) senden, ich hoffe zu Gott, boruch hu, diese kleine Verzögerung wird von keiner Bedeutung sein." Wenige Minuten später brannten einige Wachskerzen in silbernen Girandolen. Die Aadolohkerze wurde angezündet. Es war eine eigenthümliche Scene von wunderbar ergreifender Eigenthümlichkeit, als der alte würdige Rabbi die Erfüllung einer religiösen Pflicht auch nicht eine kurze Zeit verzögern wollte. Er sprach die Segensformeln über den Wein, das Gewürze, das in einer hohen silbernen Büchse duftete, über das Licht, und endlich jene über die Unterscheidung des Sabbats von den 146) Die Benedictionen beim Scheiben des Sabbat sprechen. 147) Markus. 148) Eine ans Wachsfäden geflochtene Kerze, von welcher anch die ganze Zeremonie den Namen führt.