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Der Israelit · 1878-10-23 · Heft 43 (23.10.1878) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 43 (23.10.1878)
Date
1878-10-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1060 Bett dadurch zu ehren, daß man auf de» ^etzt verwaisten Rabbinatssitz einen Mann berufe, von dem zu erwarten sei, daß er diesen schönen Ruf der Gemeinde bewahre, indem er in dem G<nste und Sinne des Verstorbenen die Leitung weiter führe. Der Redner würde die Welt zu großem Danke verpflichten, wenn er die am Grabe gesprochenen Worte durch den Druck veröffentlichte. ' Mit Rücksicht auf ü"1 wurde keine weitere Rede gehalten. So ist nun wieder eine große Lücke gerissen in den Reihen der Kämpfer für Wahrheit und Recht, und wie die Verhältnisse liegen, eine Lücke, die wahrscheinlich leider nicht ausgefüllt wird. Es müßte ein besonderes Wunder geschehen, wenn aus der jüngern Generation wieder ein Mann erwüchse von so immenser Gelehrsamkeit, gepaart mit dieser großen Bescheidenheit, die nicht den Schatten eines Eigendünkels kannte und mit dieser Wahrheitsliebe, die weder nach Rechts noch nach Links abbeugt. So ruhe er jetzt aus von seinem großen Kampfe, den er für seine Brüder gekämpft und mögen UNS und unfern Nachkommen die Saaten reifen, die sein so reiches und so thatenvolles Leben in den Schooß der Zukunft gestreut hat. Or A. Sulzbach. Aus Thüringen. Es gibt Personen, welche sich einander so ähnlich sehen', daß es beim ersten Blocke schwer wird, physiognomische Unterschiede herauszufinden. Nach genauerem Hinschauen aber macht sich immer einige Verschiedenheit bemerklich, und in dieser prägt sich denn auch stets die nie fehlende Charakterschattirung aus. Ein gleiches Bewandtniß hat cs mit den meistens noch so sungen Synagogengemeinden in den arößern Städten Thüringens. Sie sind sich darin ähnlich, -aß in allen bei einem, und zwar oft nicht am kleinsten Theile der Mitglieder, das jüdisch-religiöse Leben nur schwach pulsirt, während bei dem andern das religiöse Interesse noch rege ist und sich hin und wieder bethätigt. Die aufwachsende Äugend hingegen läßt sich willenlos, ja mit einem gewissen Behagen, von dem Wellenschläge der Zeit, dem Alles zu verschlingen drohenden Meere des Jndifferentismus zutreiben., und hier wie anderwärts ist die Beschwörungsformel noch nicht gefunden, welche dieser Strömung ein Halt geböte. Daß sie zu finden leicht ist, will ich nicht behaupten; das Traurige ist aber, daß man so wenig darnach sucht, daß man jedes Opfer scheut, welches die Erlangung derselben ermöglichen könnte. Selbst die Religiösgesinnten sehen es gern, daß man sich in den Gemeindeinstitutionen, welche die Träger des religiösen Lebens sind, auf das Alltäglichste und Allernothwendigste beschränke, religiöse Lectüre, aus welcher sich Belehrung, Anregung, Begeisterung für die angestammte Religion und für alles Große und Erhabene schöpfen ließe, wird als überflüssiger Luxus, als unnöthige Zeitverschwendung von der Hand gewiesen. Die ganz Indifferenten endlich, hier wie anderwärts, machen in jedem Jahre an und 2"' dem lieben Gotte auf einige Stunden einen Staatsbesuch in der Synagoge und glauben sich damit auf ein ganzes Jahr mit dem Judenthum abgefunden zu haben. So in frühern Zeiten am Tage nach 2"' sich zwei Israeliten begegneten, kamen sie sich mit der Frage entgegen: „Wie hast Du gefastet?" Jetzt muß in den größern Städten und in den Mittelstädten die Frage dahin modificirt werden: „Hast Du gefastet?" Das ist die Signatur unsrer Zeit! Wie kann unter solchen Umständen religiöses Leben gedeihen? Unser Trost ist, daß das abwärts rollende Rad der Zeit noch nie in den vollen Abgrund, noch nie zum völligen Aufgeben der Goiteslehre und des Gottesgesetzes geführt, sondern der große Weltenlenker noch immer zur rechten Zeit in des Rades Speichen gegriffen und es anders gewendet hat. Religionslosigkeit ist noch nie permanenter Zustand der menschlichen Gesellschaft gewesen; sie hat stets dem Religionsbedürfnisse die Wiege bereitet: ijnt iBDrasrn «b und das Gottcswort bleibt ewig unvergessen! Nur geht eine solche Wendung oft nicht ohne erschütternde Stürme vorüber; und die sollten, die könn» ten wir uns ersparen! Dieses vorausgeschickt, wollen wir nun zu unserm eigentlichen Referate übergehen. Dem Thüringer Gebirge entlang zieht sich die Werrabahn hin und führt den Reisenden, in rascher Abwechselung ein prachtvolles Bild von schönen Bergen und Thälern vor ihm aufrollend, auf den Flügeln des Dampfes nach der Residenzstadt Meinin gen. Zur Seite bleiben Varchfeld. Schmalkalden und Walldorf liegen. Die beiden ersten One gehören dem frühern Kurhessen, jetzt Provinz Hessen, an. Kurhessen war einer der ersten Staaten Deutschlands, welche den.synagogalen und Schulverhältnissen seiner israel. Unterthanen seine volle Aufmerksamkeit zuwendete und denselben eine feste Gestaltung gab. Diese haben sie auch nach der Annection behalten. Wir staden* daher in beiden Synagogengemeinden sehr geordnete Zustände, geregelte gottesdienstliche und Schulverhältnisse und einen regen religiösen Sinn. Die circa 40 Mitglieder zählende Synagogengemeinde Barchfeld hat sich namentlich schon seit langen Jahren durch für ihre Verhältnisse nicht unbedeutende Opfer, welche sie für Gottesdienst und Schule verwendet, vor vielen bedeutend größern Gemeinden rühmlich hervorgethan. Diesem hier herrschenden lebendigen

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