Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Eines, was Reuchlin schreibt, erscheint mir durchschlagend. Die Väter der Kirche, meint der Richter des schwäbischen Bundes, haben zur Erläuterung der heiligen Schrift viel aus den hebräischen Büchern geschöpft; nun behaupte man zwar, man könne sich gerade deßhalb ohne die Bücher der Juden behelfen, weil die Kirchenväter schon alles Gute herausgenommen; wer aber von „Sichbehelfen" spreche, beweise dadurch, daß er Mangel habe; gerade so wie Einer, der sich im Winter mit Sommerkleidern behelfen muß, keine warmen Winterkleider hat/'" „Brav, brav", rief der Kaiser, „daran erkenne ich meinen gelehrten, geistreichen, witzigen Reuchlin! Doch sage Du mir, Joselin, enthält der Talmud wirklich so schlimme Dinge, wie die Dominikaner und Pfefferkorn behaupten?" * „„Der Talmud enthält die mündliche Lehre, wie Gott sie dem Moses erklärt hat, die Ausführung und praktische Anwendung der Gesetze unseres Gottes."" „Was lehrt der Talmud über das jenseitige Leben? Können nur die Juden selig werden?^ „„Der Talmud lehrt, daß die Faommen aller Rationen, wenn sie an Einen Gott glauben und ihren Nebenmenschen Gutes und nichts Böses thun, Theil haben an der ewigen Seligkeit."" „Wollte Gott, daß auch unsere Kirche so lehrte; ich kann den Gedanken nicht fassen, daß die übergroße Mehrzahl der Menschen von vornherein zur ewigen Verdammniß geboren werde. Nun, vielleicht, vielleicht . . . ." Maximilian versank in tiefes Nachdenken; es war in jenen Jahren, da die Reformation sich vorbereitete; ein Ruf nach Reformirung der Kirche „an Haupt und Gliedern" durchzog die Welt, und auch Kaiser Maximilian war lebhaft von diesem Gedanken berührt. Ja, Maximilian hatte um diese Zeit den abenteuerlichen Plan gefaßt, sich selbst zum Pabst wählen zu lassen und dann in großartigem Style die Kirche zu reformiren. Er hatte deßhalb nach dem Tode seiner zweiten Gemahlin nicht wieder geheirathet und beschäftigte sich viel mit theologischen Fragen; in einem Briefe an seine Tochter Margaretha, die Statthalterin der Niederlande und Erzieherin des nachmaligen Kaisers Carls Y., berichtet er ausführlich über die Maßregeln, die er ergreifen wolle, damit Pabst Julius II. ihn zu seinem Coadjutor ernenne. *) „Bist Du ein Rabbiner?" fragte der Kaiser nach einer längeren Pause. „„Nein, Majestät, ich bin nur ein einfacher Geschäftsmann, der in seinen Mußestunden in unfern heiligen Büchern forscht."". „So sage mir, wie es kommt, daß Zauberer und Hexen über die bösen Geister Gewalt haben, während ein ehrlicher Mann von keinem Engel etwas erhalten kann?" „„Ich glaube doch gehört zu haben, daß mein allergnädigster Kaiser einst im Lande Tyrol auf steiler Gebirgswand durch einen Engel vom Hungertode ist errettet worden/'" „Ha. ha, der Engel war der ehrliche Gamsjäger Oswald Zips, den ich dafür in den Adelstand erhoben. Er rief mir „Holla!" zu und holte Hilfe herbei. Deßhalb trägt er heute den Ehrennamen Hollauer von Hohenfels." „ „Majestät, ein Engel heißt in der hebräischen Sprache Maloch und das bedeutet: Bote; und Gottes gnädige Fügung war es, die den GamSjäger zur Rettung und Erhaltung meines gnädigen Kaisers sandte; demnach war für Eure Majestät Herr Oswald Zips ein Engel Gottes, ein Bote der göttlichen Vorsehung."" „Sernteimer, fertige ein mg.ru1g.tiim regium aus, daß den Juden ihre Bücher zurückgegeben werden sollen und lege es mir zur Unterschrift vor. Du aber Joselin, komme morgen um die neunte Stunde wieder. Da will ich selbst es Dir überreichen." (Fortsetzung folgt.) *) In der Corresponden; Maximilians mit seiner einzigen obenerwähnten Tochter Margaretha — diese Correspondenz wurde 1839 tit Paris publicirt — findet sich ein französischer Brief vom 18. >^ept. 1312, worin Maximilian meldet. daß er nicht für gut befinde, sich wieder zu vermählen, ja, daß er entschlossen sei, vollkommen enthaltsam zu leben,- morgen wolle er den Erzbischof, seilten vielgeliebten Matthäus Lang von Wellenburg, zuin Pabst Julius II. absendeu, der das zweitägige Fieber habe und uicht lauge mehr leben könne, um sich von ihm zunl Coadjutor wählen zu lassen, dergestalt, das; er nach des Pabstes Tode dessen Stachfolger werde. Cr werde dann Priester werden und nachher heilig; seine Tochter müsse ihn dann „adoriren", worüber er sich sehr „glorisicirt" finden werde. Mit 2 bis 360,000 Ducaten hoffe er bei den Cardinälen die Lache durchzuseßen; er habe bereits seine Kleinodien an die Fugger in Augsburg verpfändet, um das viele Geld aufzutreiben, „die dürren Cardinäle damit zu erfrischen". Cr unterschreibt sich: „euer guter Vater Maximilian, künftiger Pabst". Hierzu drei Deilagett. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Stoux'fchen HosbUchhandlUNg. 2. Goltsleben'» »uchdruckerei (Mainzer Anzeiger).