Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447787--15431-2471379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1057 „„Gelobt seist Du,Ewiger unser Gott, König -er Welt, der von Seiner Herrlichkeit einem Menschen verliehen hat/" „Brav Jude"" rief der Kaiser, „Du gibst Gott die Ehre. Als mir einst ein Spottvogel, weil ich meiner Abkunft genau nachzuforschen befohlen hattean die Wand meines Burghofs die Worte schrieb: Da Adam hackt' und Eva spann! Wo war da ner Edelmann? schrieb ich darunter: Ich bin ein Mann, wie ein anderer Mann! Nur, daß mir Gott die Ehre gann. Nun, Joselin, sprich, was ist dein Begehr?" Und als Rabbi Joselmann nicht sogleich antwortete. ermunterte ihn der Kaiser und sagte: „Sprich, ohne Furcht, Joselin." Da Hub dieser an und sprach: „„Allergnadigster, großmächtigster Kaiser! Als einst Nehemias vom Könige von Persien aufgefordert wurde, seine Bitte vorzutragen, da betete er zunächst zu Gott in seinem Herzen. So habe auch ich zuvor zu Gott gebetet, daß Er mich Gunst finden lasse in den Angen meines allergnädigften Herrn und Kaisers. Denn wer bin ich, daß ich es wagen soll zu reden vor dem mächtigsten Herrscher der Erde, dem die Völker des Ostens wie des Westens, des Nordes wie des Südens unterworfen sind, den Gott gekrönt hat mit der Ehren höchste, der da ist ein König der Könige!"" „Sernteiner," rief der Kaiser lachend, „der Jude hat Recht; ich bin ein König der Könige. Der König von Frankreich ist ein König der Tsel, denn seine Unterthanen tragen Alles, was er ihnen aufbürdet; mein Enkel Carl von Spanien ist ein König von Menschen, denn die Spanier gehorchen ihm nur in billigen Dingen; der König von Engelland herrscht über Engel, denn er gebietet ihnen nichts Unrechtes, und sie gehorchen ihm willig und recht; wir aber regieren über lauter Könige, denn unsere deutschen Reichsfürsten gehorchen uns nur, wenn es ihnen gefällt!" Der Kanzler lachte zustimmend, und Maximilian sprach: „Weiter, Jude!" „„Gott hat mein Gebet schon erhört,*" fuhr Rabbi Joselmann zu reden fort, .„da ich das Glück habe, meinen allergnädigsten Herrn in geneigter, fröhlicher Stimmung zu finden; ich zweifle daber nicht daran, daß mein großmächtigster Kaiser meiner unterthänigsten Bitte willfahren wird. Wir Juden haben schon Vieles erduldet; wir haben unser Heimathland verloren, und das Haus unseres Gottes liegt in Trümmer schon länger als 1460 Jahre. Seitdem sind wir zerstreut über alle Länder und unter allen Völkern. Von allen unfern Besitzthümern haben wir nur eins gerettet: die heilige Lehre unsers Gottes; sie ist nufer einziger Schatz, unsre Trösterin in allen unser« Leiden und Schmerzen, der Quell unseres Lebens. Und nun hat Kaiserliche Majestät zu verordnen geruht, daß uns die heiligen Bücher geraubt und verbrannt werden sollen! Von allen Nöthen und Drangsalen, die uns betroffen, ist dies das Schlimmste. Schon oft ist unschuldiges, jüdisches Blut vergossen worden, schon oft sind die Leiber der Juden auf Scheiterhaufen zu Asche verbrannt worden, aber unsere heiligen Schriften hat noch Niemand ^angetastet."" „Cyprian," fragte der Kaiser den Kanzler, „sind die Gutachten der Universitäten und der gelehrten Männer über diese Angelegenheiten schon eingetroffen?" „ Sie sind eingelaufen,"'" antwortete der Kanzler. „Und wie sprechen sie sich aus?" „ „Sie lauten sämmtlich auf Verbrennung; nur das des Reuchlein lautet zu Gunsten der jüdischen Bücher."" „Du hörst es, Joselin; ich muß wohl nach der Mehrzahl entscheiden." „„Gestatten Eure Majestät,"" fragte Rabbi Joselmann „„daß ich meinem Kaiserlichen Herrn ein Geschichtchen erzähle?"" „Rede!" „ „Ein Königssohn schwebte einst in Folge einer schweren Krankheit in Todesgefahr. Da ließ der König die ältesten und angesehensten Männer der Stadt Zusammenkommen, damit sie berathen. was zu Ihun sei; und es kamen hundert Männer: Rechtsgelehrte, Beamte, Künstler, Kaufleute und Handwerker, und unter ihnen ein einziger, geschickter Arzt; neunundneunzig der Versammlten stimmten für einen Aderlaß; der Arzt aber verlangte, daß man der Natur ihren freien Lauf lasse; dann würde der Königsjohn gesunden. Und der König entschied nicht nach der Majorität; er folgte vielmehr dem Rathe des Arztes, des einzigen Sachverständigen, und der Königssohn genas. Großmächtigster Kaiser! Der kaiserliche Rath, Herr Johannes Reuchlin, der Lehrer von ganz Germanien, ist der einzige Mann — die Juden ausgenommen, — welcher in Deutschland der hebräischen Sprache mächtig ist; sein Urtheil ist das einzig maßgebende."/ '„„Was meinst Du, Cyprian?" „„Ich habe,"" antwortete der Kanzler, „„die Gutachten gelesen; ich verstehe nicht viel davon; aber