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Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1011 „Ich ordne an, daß Ueberreicher Schemuel Rothkopf aus Steglitz unverzüglich verhaftet, und bis auf weitere Verfügung cingckcrkcrt werde. i4). Der Aermste wurde dingfest gemacht, es half ihm kein Bitten, kein Flehen, er ward zwei handfesten Po-- lizeimännern übergeben, die ihn virü)U8 unitis in Gewahrsam brachten. Er stöhnte, jammerte, klagte laut in den Gassen und Straßen, die er auf seinem unfreiwilligen Gange nach dem Strafhause passircn mußte. Sein bittrer Angstruf zog wohl manche Israeliten herbei, doch keiner hatte den Math dem UnglücKichen in die düstere Zelle zu folgen. Noch am Abende desselben Tages verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Schreckenskunde, daß der eingezogene Jude auf den allerhöchsten Befehl zum Tode durch den Strang verurtheilt worden sei. Trauer und Kummer kehrte ein in die Wohnungen der Berliner Juden, alles raffte sich auf zur helfenden, rettenden That. Im großen Lehrsaale (Beth-ha-Midrasch) des Rabbiners David Frankel versammelten sich die hervorragendsten Gemeindemitglieder, um zu berathen, wie von dem unglücklichen Glaubensgenossen das horrible Urtheil und von der Gemeinde, der hiedurch entstehende Chilul-ha-Schem abgewendet lperde. Auf Antrag eines Gemeind kältesten wurden drei Personen damit betraut, kein Mittel unversucht zu lassen, um in die Zelle des Verurtheilten zu gelangen und sein Vergehen zu erforschen. Bestürzt jedoch kamen die Delegirten in den Berathungssaal zurück, sie berichteten, daß der Kerkermeister durch nichts zu bewegen war, ihnen Einlaß zu gewähren; doch aber, berichteten sie weiter, nach langem Bitten hat er uns eine wichtige Enthüllung gemacht. Der Kerkermeister sagte nämlich: „Ihn selbst habe die Neugier geplagt, was wohl den gerechten und nachsichtsvollen König zu solch schrecklichem Entschlüsse veranlaßt haben mag; doch die Lösung dieser Frage lag seiner tiefsten Forschung fern, und da entschloß er sich in die finstere Zeile hinabzusteigen und den Deliquenten selbst nach seinem Verbrechen zu befragen. Aber, sagt er, von dem Juden war nichts Positives herauszubringen. Verdächtig erscheinen nur bloß seine Schlußworte, wonach der ihm unbekannte Herr, von dem er auf der Straße angehalten wurde, ihn nach dem Zweck seiner Reise gefragt, worauf er geantwortet, er biete seinen Glaubengenossen „ein Geschäft an, das ihnen Genuß sichert in dieser Welt, und wahres Heil im zukünftigen Leben." Dies meinte der Häftling, — der von dem ihm bevorstehenden Tode noch keine Ahnung hatte, — diese Schlußäußerung habe nach seiner Bermuthung den Herrn ernst gestimmt, er habe ihm hierauf zwei Thaler und den ihm geheimniß- und verhängnißvollen Verhaftsbesehl übergeben." Nach diesen Worten erhob sich Gemeinderath R. Chajim Bamberg er, von dem es sprichwörtlich geworden, daß in seinem kleinen Kopfe viel Wissen, Klugheit und besonnene Verständniß verborgen liegt, und in seiner schmalen Brust ein großes, edles warmfühlendes Herz schlägt. Alles war gespannt, seine Ansichten in dieser hochwichtigen Angelegenheit zu hören, und wie auf Commandorus sammelten sich alle im Halbkreise um den kleinen Mann, und lautlose Stille herrschte im weiten Saale. Da sprach Bamberger mit bewegter Stimme: „Rab ossay? Oesters schon war es mir unter dem Beistände des Allmächtigen, der den Menschen mit Vernunft und Verständniß begnadigt, gelungen, für das Wohl unserer Stammesgenossen zu wirken, und gar viele aus drückender Kalamität zu retten. Vertrauen wir aus den Hüter Israels, der nie.'schlummert und nie schläft, daß Er in seiner unendlichen Gnade den Weg uns zeigen und bahnen wird, um das himmlische Werk zu vollführen den „Gefesselten zu befreien/, Der Gegenstand unserer Berathung nimmt mein ganzes Denken und Wissen in Anspruch, doch vermochte ich nicht die Intentionen unseres erhabenen Monarchen zu ergründen. Der eben vernommene Bericht unserer dreier Delegation wirft wohl einige Lichtstrahlen in das dunkle Räthsel, doch das wahre Motiv ist nicht zu ergründen. O/i, wie der Kerkermeister meint, in den Schlußworten zu finden, und Se. Majestät bei seinem bekannten Haß gegen Jesuiten und Jesuitismus in dem Verurtheilten sich auch ein solch gefährliches Subjekt dachte, ich kanns nicht strikte glauben: doch aber allerdings muß der Verhaftete etwas verschuldet haben, welchem Vergehen der König bei seinen bekannten Inkognito-Touren auf die Spur gekommen sein mag. Nun ist's Zeit im Aufgebote aller möglichen und erlaubten Mittel den großen König von dem schrecklichen Entschlüsse abzubringen. Meine Connexionen mit dem Minister Bäte dürften es mir ermöglichen noch heute eine Audienz bei Sr. Majestät zu erwirken, und da wünschte ich bloß, daß eine ansehnliche Deputation mich begleite. Mit lebhafter Begeisterung war der Antrag Bs. angenommen worden, Rabbiner und Vorstand schlossen sich dem wackeren Mann an. Die ersten einleitenden Schritte waren ohne b e andere Schwierigkeiten durchgcführt, und trotz der bereits vorgerückten Nachtstunde kom ten sie dem großen Könige die unterthänigste Gnaden'. itte unterbreiten. Doch der König zeigte sich nicht willfährig, er sprach sein lebhaftes Bedauern aus, daß es so gekommen. „Allein," sagte er, „man muß der Gerechtigkeit unter die Arme greifen." Nochmals fleheten die Verzagten um Gnade.

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