Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 42 (9.10.1878)
- Date
- 1878-10-09
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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mar 1040 spannende Erzählung an, und als diese zu Ende war, lohnte er die Bemühung der Vortragenden mit der Versicherung seiner vollkommenen Besriedigung. Doch aber, fügte er lächelnd hinzu, ich will dir sofort Revanche bieten, auch mir ist von dem „großen König" eine Sage bekannt. Hierauf begann er: In Steglitz wohnten bereist zwei achtbare Juden, die sich mit einander verschwägern wollten; allein sie waren beide arm, und der Brautvater hatte schon viele schlastose Nächte, es quälte ihn die Sorge, wie er die zugesagte Mitgift von 500 Thlrn. ausbringen werde. Eines Tages entschloß er sich, den Versuch zu wagen, in der Hauptstadt an den angeerbten Wohlthätigkeitssinn seiner Glaubensgenossen zu appelliren Mit dem Felleisen auf dem Rücken ergriff er den Wanderstab .... Er vermochte nun mehr eine halbe Stunde von Berlin entfernt gewesen sein, da kam auf hohem Roß ein vornehm aussehender Herr geritten. Der arme Jude lüftete in gewohnter Weise ehrerbietig seine Kopfbedeckung und grüßte höflich. „Woher des Weges?" rief der Reiter ihm zu. „Aus Steglitz, mein gnädiger Herr," war des Armen bescheidene Antwort. „Und wohin?" war die zweite kurze Frage. „Ich bitte, Ew. Gnaden, ich gehe nach Berlin." „Und was dort? etwa hausiren!' Bei diesen Worten begann das Herz des Armen rascher zu schlagen, Furcht und Hoffnung wogten auf und ab in seiner Brust. Da dachte er bei sich, ich will dem Herrn mein Vorhaben eröffnen, er scheint der Geldaristokratie anzugehören, 090*5 D\->rur rwo,-. (Gar viele hat der Herr zu Voüführern seines Willens sich erkoren), vielleicht erleichtert er durch einen milden Beitrag meine drückenden Sorgen. Und so erzählte er mit allen Details den Zweck seiner Reise: „Ich heiße Schemuel Rothkopf, und habe eine heirathsfähigr Tochter, die mit einem thorbeflissenen Jünglinge meines Nachbars Sohn Jakob Weißschild verlobt wurde. Der Eheschließung steht aber noch ein bedeutendes Hinderniß entgegen; es fehlt mir eben noch das Bischen schwere Geld zur „Nedan" d. h. Mitgift, und bei uns Juden gilt das Sprichwort: Ohne Geld ist keine Chassunoh (Hochzeit)." „Wie viel ist denn dem Bräutigam zugesagt worden?" „Ich bitte unterthänigst, ich habe ihm 5 X) Thaler zugesagt." „Fünf hundert Thaler! Sapperlott!"! „Wie darf man versprechen, was man doch kaum halten kann?" „Genädiger Herr leben, wie viel hätte ich denn versprechen sollen? Etwa 500 Pfennige? Ich habe ja auch diese nicht. Muß ich doch nur vertrauen auf! den einzigen Gott, daß er mir verhelfen wird zu dem, j was ich brauche, und nicht habe, wozu sollte ich ver-! trauen, daß Gott mir zu 500 Pfennigen verhelfen! wird, so vertraue ich lieber, daß er mir zu 500 Thlrn! seinen himmlischen Beistand leisten wird." j „Mir will diese Logik nicht zusagen. Doch ich i frage, ist's denn gewiß, daß die Berliner Juden ohne! Weiters die 500 Thlr. fo'! eftiren werden, um ein armes Judenmädchen unter die Haube zu bringen?•' „Ach hoher Herr, verbriefen kann ich's nicht, aber ich hoffe, Gott wird helfen, wenn auch nicht in einem Tag, in einer Woche, in einem Monate, aber mit der Zeit will ich mit Gottes Hilfe durch guter Menschen Beistand die Summe beisammen haben. Bei uns Juden gehört die Ausstattung der Bräute zu den vorzüglichsten Wohlthätigkeitswerken, diese Tugendübung gewährt nach dem Ausspruche unserer Weisen, dem Menschen einen Genuß schon in dieser Welt, und ist ein bleibendes Gut für das zukünftige Leben." „Und wird mit dem Aushängschild ..zur Ausstattung der Bräute" nicht auch Mißbrauch getrieben!" Doch das edle Roß ward ungeduldig unter ihm. hastig greift der Reiter in eine Seitentasche, holt aus derselben eine Karte und einen Bleistift, schreibt einige Zeilen in lateinischer Sprache, reicht dem armen Wanderer zwei Thaler, und sagt: , diese Karte bitte ich dem Wachmanne bei dem Stadtthore zu überreicheu." Dann rief er: „Vorwärts Kaunitz!" (So hieß sein Licblingspferd) das er eben ritt Und weit weg trabte das Roß mit dem Reiter. In gehobener Stimmung schritt Schemuel Rothkopf dem heutigen Brandenburger Stadtthore entlang, konnte er auch den geheimnißvollen Inhalt der wenigen offenen Zeilen nicht entziffern, so schien es ihm doch eine wohlwollende Protektion zu sem. Freudenstrahlend entledigte er sich seiner Mission und hoffte, daß der Thorwächter ihm die Pforten des Glückes eröffnen werde. Allein wie bitter war seine Enttäuschung. Der Thorwächter, d r gleichfalls Cicero nie im Urtexte gelesen, da auch ihm die lateinische Sprache ein terra ineo^nita war, verwies den Ueberreicher an die Stadthauptmannschaft Hier war die „offene Karte" kein „versiegeltes Buch" mehr. Der Obertribunalsrath Hübener blickte erstaunt von der Karte auf Schemuel, von Schemuel auf die Karte, er traute seinen Augen nicht, und doch waren sie deutlich und in unzweideutiger Form niedergeschrieben die Worte: