Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447786--15419-2471366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Majestätsprach der würdige Rabbiner Fränkl, „wir kennen weder den Verbrecher, noch sein Verbrechen, doch was immer er auch verschuldet haben mag, erflehen wir für ihn die Gnade Ew. Majestät. Ist ja kein Mensch ohne Fehl, und läßt auch Gott Gnade walten im Gerichte mit uns." „Majestät," sprach Reb Chajim B., „wir wären bereit das schwerste Opfer zu bringen, um das bedrohte Leben unseres unglücklichen Glaubensgenossen zu retten. Doch vor dem erhabenen Throne Ew. Majestät wagen wir es nicht von Geldopfern zu sprechen, und haben nur Thränen, Seufzer und Bitten." „Nun denn," sprach der König, wie rasch entschlossen, „ich will einmal Eure Opferwilligkeit für einen bedrängten Glaubensbruder erproben, 1000 Thaler sollen ihn retten." Mit freudigem Dankgefühl entfernten sich die Bittsteller, und am nächsten Morgen, ehe es noch recht Tag geworden, waren die 1000 Thlr. in der königl. Hofkanzlei deponirt. König Friedrich ließ nun den Verhafteten zu sich kommen. Angst und Schrecken ergriff den Armen, Schwergeprüften, als er in dem König den Reiter von gestern erkannte. Heiße Thränen strömten aus seinen Augen, er warf sich dem mächtigen Monarchen zu Füßen und sprach: „Großer König und Herr! In verzweifelter Angst habe ich darüber nachgedacht, weßwegen man mich in den Kerker geworfen, was ich denn verbrochen, und welche Strafe meiner etwa noch wartet. Jetzt im Anblicke Ew. Majestät erkenne und bekenne ich meine Schuld. Meine Religion gebietet die höchste Ehrfurcht vor einem gekrönten Haupte, und ich, ach! ich wußte es nicht, wem ich gegenüberstehe, ich habe in dem mir unbekannten Reiter einen gewöhnlich vornehmen Herr vermuthet, und habe weniger ehrerbietig, als es einem Könige gegenüber Pflicht ist, ihn angeredet... Er wollte noch weiter sprechen, doch der König unterbrach ihn, und sagte: „Erhebe Er und beruhige Er sich, Rothkopf, vergesse Er die Qualen und Leiden eines Tages, und freue Er sich der kommenden Tage. Sage Er mir, wie lange hätte Er Herumstreifen und betteln müssen, bis Er die 500 Thlr. zusammengebracht hätte? Hier hat Er nun die dem Bräutigam zugesagte Mitgift und noch 500 Thlr. darüber für die erduldeten Schreckensqualen. Diese 1000 Thaler hat die hiesige Jsraelitengemeinde als Lösegeld für Seine Befreiung gegeben." Jetzt erst erkannte Rothk. Ziel und Zweck seiner Verhaftung, Freude und tiefinniges Dankgefühl erfüllten sein Herz und er war kaum im Stande diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Huldvoll entließ ihn der König und freudevoll begrüßten ihn zahlreiche Glaubensbrüder, die auf der Straße seiner Entlassung harrten. Ein vornehm auSsehender Herr bat ihn, ihm zum Rabbi zu folgen. Dort angelangt fand er viele vornehme Herren versammelt. Freudig begrüßte man den Eintretenden mit dem Rufe ct-ion und dankerfüllt antwortete er: ja, gelobt sei Gott, und Ihr, die Ihr mich armen Gefesselten befreit habet, seid gesegnet von Gott dem Herrn. „Geehrte Herren! sprach er weiter: Mir war immer auffallend die Erklärung unserer Weisen zu dem Psalmworte 46; 9. p.'.cw Dir "upn ’n nirysü nn -D" nbkt mor \v~9n -x fnjo Heute ist es mir klar geworden n:n o^n: noD Vd ”-DDn. Inmitten der schrecklichen Versuchung dachte ich oft wie schwer es fällt nach dem Ausspruche der Weisen: dem Ewigen sowohl für das Schlechte wie für das Gute zu danken, und doch ist dem so; wir Menschen sind kurzsichtig, wissen nicht, was wahrhaft gut oder schlecht ist, darum sagt der Psalmist: (Betrachtet das Walten Gottes, wo er Verderben in die Welt gesetzt) — denn, bemerken treffend die Weisen, nennet nichts mor Verderben mar nSx es ist nur dem Namen nach ein solches, in Wirklichkeit aber -2 zdp ruom injn nc, führt alles, was Gott thut, nur zu unserem Besten. Er erzählte sodann seine ganze Schicksalsbegebung, und stellte der Gemeinde die 1000 Thaler dankend zur Verfügung. „Behalten Sie das Geld, und Gott beglücke Sie damit," riefen alle einstimmig, „wir sind durch Ihre Erzählung ebenso überrascht als erfreuet." Da öffnete sich die Thüre, und hereintrat ein hoher Staatsbeamte, der ein an den Vorstand adressirtes Schreiben überbrachte. Rasch entfaltete der Gemeindepräses dasselbe, und nach kurzer, flüchtiger Durchsicht, verlas er freudestrahlend den Inhalt: «Ich spreche den Israeliten Berlins für Ihre heute wiederholt bewährte Loyalität und Bruderliebe Meine vollste Anerkennung aus und bin mit königlichem Wohlwollen Friedrich." Voll Ehrfurcht erhob sich die Versammlung, und rief begeistert: „E s l e b e d e r K ö n i g!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.