Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 42 (9.10.1878)
- Date
- 1878-10-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1034 über seine bisherige Unerbittlichkeit gefoltert, vor seinem Sterben die Hände der Liebenden ineinanderlegen, ihnen sterbend zu ihrem Lebensbunde seinen väterlichen Segen ertheilen wolle, und mit hochklopfendem Herzen hatte er das Zimmer betreten, in welchem er sein Glück zu empfangen hoffte; — aber als er die Schwelle überschritt — er war der letzte der Ankommenden — fiel sein erster Blick auf Simon Reding — er fühlte sich plötzlich enttäuscht — und konnte sich nicht entbrechen , ihm einen haßerfüllten Blick zuzuwerfen. Simon Reding war — wir haben es schon gesagt — nicht weniger überrascht gewesen, als er dringend zu dem sterbenoen Tarnower gerufen wurde, aber sein verflossenes Leben war so reich an seltsamen Ereignissen, an unglaublichen Unwahrscheinlichkeiten gewesen — daß er es gar nicht mehr versuchte, den Schleier der nächsten Zukunft zu lüften, die sich ihm doch ohnehin bald enthüllen sollte. Das Einzige was ihm einen Augenblick nicht allzu unwahrscheinlich schien, war, daß Tarnower ihn erkannt hatte, als er ihn aus der Synagoge nach seinem Hause trug, in seiner Aufregung, den kleinen Liebesdienst der Menschlichkeit überschätzend ihm dafür vor seinem Tode danken, ihm dem armen, verstoßenen, erwerbsunfähigen Sträfling etwa ein großes Geldgeschenk anbietei wolle. Auch er war nicht weniger überrascht als Markus Erdmann, als er diesen kurz, nachdem er selbst gekommen, eintreten sah, und ein leichtes konvulsivisches Zucken durachebte seinen Körper, in welchem Markus Erdmann eine äußerlich wahrnehmbare Regung geweckter Gewissensbisse zu erkennen glaubte. Reding hatte Erdmann seit jenem Momente nicht gesehen, wo er das letzte Mal, als redlicher Mensch unter Menschen gegolten, und all die furchtbaren Leiden, die ihn von diesem Zeitpunkte an, bis heute verfolgt hatten traten, in ihrer Totalität von Neuem in seine Erinnerung. Bei allem Bestreben gegen Wilhelminens Bruder keinen ungerechten Haß in seiner Seele aufkommen zu lassen, diesen zu entschuldigen, konnte er sich doch trotz der heiligenden Nähe des Todesengels, welche in der Regel veredelnd und versöhnend auf das Menschenherz einwirkl, doch nicht eines Gefühles tiefer Bitterkeit erwehren. Es war ja doch Markus Erdmann gewesen, der, wenn auch gewiß nicht mit Absicht, ihm das entsetzlichste Unrecht zugefügt, ihn unwiderruflich für ewige Zeiten ehrlos, ihn zu dem allerelendesten, unglücklichsten Menschen auf Gottes weiter Welt gemacht hatte, und als Markus Erdmann die Zimmerschwelle überschritt, war Reding unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, und war so in die unmittelbarste Nähe Rabbi Michael Bacharachs gelangt. Dieser war in tiefes Sinnen versunken; seine langjährige segensvolle Amtswirksamkeit war reich an Erfahrungen der verschiedensten Art gewesen und er mochte wohl oft genug an dem Bette Sterbender gesessen, deren letztes Bekenntniß vernommen haben; aber ein Sterbebett erweckt stets von Neuem eine Fluth eigenthümlicherGedanken, und wervermochte es zu errathen, welche es waren, die jetzt den milden Greis mit der hohen Denkerstirne beschäftigten? In seinem Gesichte prägte sich der tiefste Ernst aus, aber auch dieser vermochte nicht den Ausdruck höchster Sanftmuth aus den Zügen des würdigen Rabbi zu verdrängen. Als nun Reding bei Erdmann's Anblick verlegen zurücktretend den Lehnstuhl, auf dem der Rabb^ saß, streifte, blickte dieser auf. „Wer seid Ihr?" frug er, wohl um zu erfahren, wer der fremde Mann sei, der zu dem Sterbenden gerufen worden war. „Ich heiße Simon Reding." Der Rabbi schien überrascht, er beschattete mit der Hand die Augen, als wolle er dadurch daS spärliche Licht, welches die letzte Dämmerung in die Stube warf, auf Redings Züge concentriren. „Seid Ihr der Simon Reding. der sieben Jahre auf dem Spielberg tofus war?" Eine brennende Scharlachröthe überflammte die Züge des Befragten; aber, obwohl sein Herz schlug, als wolle es brechen, entgegnete er doch äußerlich ruhig: «Ja, Rabbi, ich bin Simon Reding, der sieben Jahre auf dem Spielberg saß." Ein wunderbarer Zug von Weichheit und Milde spielte in Rabbi Michaels Antlitz, und er sprach halb leise, doch allen verständlich — wenn auch von den in Schmerz versunkenen Frauen nicht verstanden — „Da freut es mich recht sehr, Euch kennen zu lernen, ich habe viel Gutes von Euch gehört. Ihr habt in Eurem furchtbaren Kerker unter entsetzlichen Entbehrungen — vielleicht kein zweiter Mensch hätte diese auszuhalten vermocht — Euch des Genusses von Macholim issurim enthalten, und habt nie Schavbos und Jomtow mechallel gewesen 141) obwohl Euch dafür die anderen Tage doppelt so viele und schwere Arbeit auferlegt wurde — und Ihr habt das Alles stille, ohne Murren ertragen — Ihr habt Großes gethan vor Gott, dem Allherrn, dessen allschauendes Auge auch in den tiefsten Kerker blickt — wenn ich alter Mann, an der Ausgangsschwelle des Lebens stehend, neidisch wäre, so könnte ich Euch, um das was Ihr im Stillen, Dunkeln da gethan, beneiden. 140) Gefangen. 141) Entweiht.