Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-10-09 · Heft 42 (9.10.1878) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 42 (9.10.1878)
Date
1878-10-09
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447786--15407-2471354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1030 den Juden in den großen Audienzsaal des Schlosses führe. Er, der sich ihm zuerst in einsamer, verlassener Köhlerhütte, dann im bequemen Hauskleids gezeigt hatte, wollte ihm nunmehr durch kaiserliche Pracht imponiren. Als Rabbi Joselmann in den großen Saal, in dessen Hintergründe er bescheiden stehen blieb, eintrat, bot sich ihm ein Schauspiel dar, wie er es noch nie gesehen hatte. Auf einer Anhöhe stand ein vergoldeter Thron; auf diesem saß der Kaiser, die güldene, reich mit Diamanten geschmückte Krone, auf dem Haupte, das goldene Scepter in der einen, den goldenen Reichsapfel in der andern Hand haltend; von der Schulter des Kaisers wallte der kaiserliche Hermelinmantel hernieder. Zur Rechten des Thrones stand der Cardinal - Erzbischof von Salzburg, angethan in der vollen Pracht seiner fürstlichen Gewänder, von dem Purpur der Cardinäle umwallt. Zur Linken des Thrones stand der Kaiserliche Hofkanzler, Cyprian Scrnteiner von Nordheim, Pergamentrollen und Briefe in den Händen haltend. In einem Halbkreise standen hinter dem Throne und zu den Seiten desselben die vornehmsten Beamten und Hof- und Reichs- Chargen. Dem Kaiser gegenüber war die nach Moskau bestimmte Gesandtschaft aufgestellt, an deren Spitze der Freiherr Georg Schnitzenbaumer stand. Auf einen Wink des Kaisers überreichte der Hofkanzler die für den Czaren bestimmten Briefe dem Führer der Gesandtschaft. Dann Hub der Kaiser an zu sprechen: „Meine Lieben, Getreuen, die Ihr als Gesandte nach Moskau zu gehen bestimmt seid. „Nachdem Ihr unserm lieben Bruder, dem großmächtigen Fürsten Basilio, Großfürsten in Reußen, unsre brüderliche Lieb', Freundschaft und Grüße gesagt und Seiner Fürstlichen Gnaden Gesundheit, glückliche Regierung und langes Leben gewünscht, sollt Ihr Seiner Liebden eine Schilderung machen von unsrer durch Gottes Gnade Macht und Einfluß auf dieser Welt. „Gottes, des Allmächtigen Gnade hat uns gemacht zum Römischen Kaiser, und der ganze Orient und der ganze Oceident gehorchen unstrm Willen. Im Orient widerstreben uns lediglich die Ungläubigen, und im Occident nur der König von Frankreich und die Venediger. Sonst ist nicht allein das ganze, große Germanien unser, die Oberlande wie die Niederlande, die Ostmarken wie die Westmarken, sondern auch Hunaarn, Boheimb, Crobaden und Dalmatia, fernerApulien, Sicitien und Neapolis, deßgleichen alle Königreiche in Hispania als da sind: Arragon, Caftilia, Granaten (Granada), Leon und Naveer (Navarra), so unser lieber Sohn (Enkel) König Carl jetzt inne hat, während der König von Portugal sowie der König von Engelland in großer Freundschaft und brüderlichem Bündniß mit uns leben. Ebenso hat sich in Septentrionen (Norden) der König in Dänemark, Schweden und Norwegen durch Herrath mit unserer Tochter zu uns verpflichtet, so daß alle christlichen Könige entweder uns unterthan sind oder zu unserer Freundschaft gehören; denn auch der König von Frankreich und die Venediger, die sich lange Zeit widerspenstig gehalten, find nunmehr dazu gezwungen und dazu gebracht, daß sie Friede und Einigkeit begehren. In unserm eigenen Lande haben wir den ewigen Landfrieden begründet, so daß alle Zwistigkeiten zwischen den einzelnen Fürsten und Herren nicht mehr durch das Lchwert, sondern durch des Reiches Kammergericht entschieden werden. Also herrscht Friede und Einigkeit, Freundschaft und brüderliche Liebe, so daß wir können daran denken, mit vereinten Kräften die Ungläubigen zu bekriegen und zu vertreiben. „Daher schmerzt es uns umsomehr, daß Seine Liebden, unser lieber Bruder, der Großfürst in Reußen, in streit leben mit dem König Sigmund in Polen, und ist es unser brüderlich und freundlich Begehren, daß Seine Liebden um unsretwiäen einen Frieden mit Siegmunden, König in Polen, bewilligen, damit wir unser Fürnehmen zu gutem Ende bringen. „So geht denn in Gottes Namen, habt glückliche Reise und gute Verrichtung und kehrt gesund in die Heimath zurück/' *) Die feierliche Audienz war beendet, die Gesandten beugten das Knie vor dem Kaiser und entfernten sich. „Der ganze Hof kann sich zurückziehen," befahl Maximilian, „nur Sernteiner soll bei mir bleiben, während ich den zur Audienz befohlenen Juden empfange." Da zogen sie alle hinweg, die vornehmen Herren, die Herzoge, Fürsten und Grafen, langsam, zögernden Schrittes; sie Alle hätten gar zu gern gewußt, was der Kaiser mit dem Juden zu verhandeln habe. (Fortsetzung folgt.) *) Der Wortlaut dieser Instruction findet sich in Adelungs Biographie des Freiherrn Sigismund von Herberstein. Petersburg l8l8. Verantwortliche Redaction: vr. Lebmann. — Verlag der Le Roux'sHen HofvuHyandlung 3. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.